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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 03:43

Ulrike Ackermann: Eros der Freiheit

13.11.2008

Staubsaugervertreterin der Freiheit

Ulrike Ackermann versucht ihren Lesern mehr Mut zur Freiheit zu verkaufen, indem sie ihnen erklärt, dass sie selbstentmündigte Sicherheitsfanatiker seien, die sich im Sozialstaat wie auf Papas Schoß eingerichtet hätten. Die Autorin sollte aber das eine oder andere Pauschalurteil überdenken, meint TIMO LÜTH.

 

Die Freiheit hat zwei Gesichter: einerseits ist sie lockende Verheißung, aber andererseits müssen sich die Menschen in ihr auch Kräften anvertrauen, die sie nicht ganz beherrschen – dem Mark zum Beispiel. Doch darin liege das Reizvolle, der Eros der Freiheit. Dass die Bürger nun gerade die Gewichtungen im Verhältnis des „Gefühls sozialer Sicherheit“ und der Freiheit zugunsten Ersterer vornehmen und sich dem Staat an den Hals verwerfen, ist für die Autorin ebenso inakzeptabel wie die „Politik der konservativen Besitzstandswahrer zugunsten der Arbeitsplatzbesitzer“.

Obdachloser Eros

Ihr Konzept kreist somit um das Individuum und den Markt. Dass die Globalisierung ein paar Opfer fordert, gehört eben dazu. Ihre Aufklärung weiß mit Solidarität nicht allzu viel anzufangen. So erweist sich der Eros der Freiheit als ziemlich müde und ein wenig obdachlos. Immer wieder muss Ackermann diesen Eros anpreisen, vor welchem sie dem Leser und Bürger erklärtermaßen die Angst nehmen möchte, damit dieser ihm für eine Nacht zu einem Dach über dem Kopf verhelfen möge. Trägt der Einzelne die Verantwortung für sich selbst, dann regelt der Markt den Rest. So wird auch breit ausgeführt, dass der Neoliberalismus, wie er sich in den fünfziger Jahren erfand, gar nicht staatsfeindlich gewesen sei. Die Okkupation von Begriffen, die Heterogenität von geistigen Strömungen, all das wird nicht thematisiert. Man möchte daran erinnern, dass auch die CDU schließlich in jenen Jahren für die Vergemeinschaftung von Produktionsmitteln eingetreten ist. Der Staat als Kraken, der die Freiheit verschlingt, erscheint in dieser Logik bei ihr auch nahezu personalisiert, so, als zahle tatsächlich nur der Staat einseitig an den empfangenden Bürger – von deren Steuern hingegen kein Wort. Der rheinische Kapitalismus, der ja in Keynesianischer Tradition das deutsche Wirtschaftswunder ermöglichte, ist somit für die Autorin ein abzulehnendes Modell, das die Mentalität der sozialen Hängematte im paternalistischen Staat fördert.

Der Bürger (mal wieder) auf der Couch

Eben jener Aspekt der Mentalität verweist auf die weitere Fundierung von Ackermanns Argumentation: Paternalismus und bürgerliche Psyche. Interessant sind die Ausführungen über die Bedeutung der Psychoanalyse für die Weiterentwicklung der Idee der individuellen Freiheit in der Moderne durchaus. Erst sie ermöglichte es dem Menschen, seine eigene Freiheit als Bildungsprojekt und Bewusstwerdungsprozess in Angriff zu nehmen. So geistreich die Ausführungen der Autorin zu Freud aber auch sind, wenn sie dessen Aufsatz „Über eine Weltanschauung“ zitiert und ausführt, dass die Bürger im Fürsorgestaat das Tröstliche der Gott-Vater-Figur erkennen, möchte man sich, der brave Kind-Leser, für die psychoanalytisch fundierte Diagnose des bürgerlichen Bewusstseins bei der Gott-Mutter-Autorin fast bedanken. Und wie in anderen Passagen auch wird im Abschnitt über Freuds „Unbehagen in der Kultur“ dezent die zentrale Bedeutung übergangen, die der Vater der Psychoanalyse insbesondere der Gemeinschaft für die Entwicklung von Kultur beimisst.

Projektionsfläche Islam oder: Böse, bärtige Männer

Zum Projekt der bürgerlichen Selbstaufklärung zählt auch der Schutz der individuellen Freiheit vor der Religion. Hochproblematisch erscheinen jedoch Ackermanns Ausführungen zum Islam. Da soziale und Bildungsaspekte gegenüber kulturellen Faktoren zweitrangig seien, stellt sie lapidar fest: „Mit jedem Bau einer neuen Moschee setzt sich die Abschottung der muslimischen Minderheit fort.“ Dass Prozesse kultureller Transformation so nicht beschrieben werden können, erübrigt sich fast festzuhalten. Die Toleranz gegenüber dem Islam geht Ackermann zu weit und ist Ausdruck „westlichen Selbsthasses“. Der Kulturbegriff der Verfasserin erweist sich als überraschend, um nicht zu sagen gefährlich hermetisch. Woher die Autorin den Islam nimmt, bleibt ein Rätsel. Längst wird infolge des cultural turn „Kultur“ nicht mehr als simple Entität gedacht, als ein geschlossenes Konzept des Innen und Außen. Und obwohl Ackermann mit verschiedenen Konzeptionen von Freiheit aus den Bereichen der Literatur, Philosophie und Psychoanalyse operiert, gelingt es ihr nicht, diese für ein differenziertes Bild nutzbar zu machen. Selbst für einen Essay, in dem es weniger um wissenschaftliche Darlegung geht, geraten die Ausführungen zu pauschal. So wird die Autorin wohl als eine Art Staubsaugervertreterin der Freiheit enden, der wieder und wieder die Tür vor der Nase geschlossen wird.

 

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