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H. Balz: Von Terroristen, Sympathisanten und dem starken Staat

18.12.2008

Avantgarde contra Elite

In seiner exzellenten Studie über den „Deutschen Herbst“ 1977 beleuchtet Hanno Balz die konformistische Rolle der Medien im Zeitalter der terroristischen Bedrohung. Von JÖRG AUBERG

 

Als jüngst die kritische Geschichte der Ereignisse des Jahres 1968 und des „deutschen Herbstes“ neun Jahre später einer brachialen medialen Offensive unterlag, blieb weder Raum für politische Nuancen noch für eine Erinnerung an das Versagen der demokratischen Öffentlichkeit, die unter dem Druck der damaligen Ereignisse keinerlei Anstalten machte, der Restauration des autoritären Staates eine Form des Widerspruchs entgegen zu setzen.

Vom Widerstand zum Geheimdienst

Während in der öffentlichen Diskussion des Phänomens RAF Strategien der Personalisierung wie in Stefan Austs Crossmedia-Unternehmen „Der Baader-Meinhof-Komplex“ oder Carolin Emckes subjektivistischer Versuch „Stumme Gewalt“ dominieren, leuchtet der Kulturwissenschaftler und Historiker Hanno Balz in seiner Studie „Von Terroristen, Sympathisanten und dem starken Staat“ auf Basis der im Rahmen der Cultural Studies entwickelten kritischen Diskursanalyse die Rolle von konservativen Zeitungen wie „Welt“ und „Bild“ des Springer-Konzerns auf der einen Seite und liberalen Medien wie „Süddeutsche Zeitung“ und „Spiegel“ auf der anderen im öffentlichen Raum der „bleiernen Jahre“ in einer komplexeren Perspektive aus.
Entgegen der gängigen Beschreibung der Stadtguerilla in den 1970er Jahre als verblendete und verwirrte Desperados bettet Balz die RAF ins zeitgeschichtliche Milieu einer versprengten Linken nach dem Aufbruch von 1968 ein und wendet sich gegen das herrschende Urteil, die frühen Texte der RAF seien unlesbar und ideologisches Kauderwelsch. Sie wiesen, insistiert Balz, „ein phasenweises hohes intellektuelles Niveau“ auf, wenngleich sie durch „ein hohes Maß an Irrationalität, Hass und Verachtung“ gekennzeichnet seien. Doch auch wenn die RAF sich als politischen Akteur in einem internationalen Szenario revolutionärer Kräfte stilisierte, entwickelte sie sich bereits nach der Verhaftung der ersten Generation „in Richtung einer reaktiv agierenden, geheimdienstähnlichen Organisation“, die ihren politischen Impetus nicht rechtfertigen konnte. Am Ende lief es, subsumiert Balz das Dilemma, auf einen Kampf „Avantgarde gegen Elite“ hinaus.

Ressentiments und Feindbilder

Die „veröffentlichte Meinung“ antwortete auf die Herausforderung des demokratischen Staates durch die terroristische Bedrohung mit einer Mobilisierung gängiger Vorurteile gegen Professoren, Studenten, Schriftsteller und andere Repräsentanten der „linken Schickeria“, wobei nicht allein die „Bild“-Zeitung solche Ressentiments schürte. In der Karikierung des linken Milieus trafen sich konservative und liberale Medien. So erhob sich vor allem der „Spiegel“ zur nationalen Zertifizierungsbehörde, die bestimmte, wer ein „legitimer Linker“ sei und wer nicht. Waren es für die einen kriminelle Banden, die durch die Bundesrepublik streiften, so delegitimierten die anderen sie als politisch irrelevante „Anarchisten-Anwärter“, Mitläufer, Sekten oder „Grüppchen“. In der Befeuerung einer „moral panic“ wurden virulente öffentliche Beunruhigungen und Vorurteile mit kolportierten Gerüchten und Vermutungen (wie etwa über die Möglichkeit, die RAF könnte sich Atomwaffen beschaffen) verstärkt. In Feindbildern der „Terroristenführer“, „bewaffneten Mädchen“ oder Sympathisanten wurden nicht allein die RAF-Angehörigen dämonisiert, sondern das gesamte linke Spektrum. Selbst liberale Journalisten wie Günter Gaus oder Erich Böhme verglichen die Stadtguerilla mit den Freikorps der Weimarer Republik und behaupteten, die RAF stamme ideologisch vom Nationalsozialismus ab.

Autoritärer Rollback

Je greller die terroristische Gefahr im medialen Bedrohungsszenario gezeichnet wurde, um so schneller waren die Vertreter konservativer wie liberaler Medien bereit, sich dem „news management“ der Staatsführung zu unterwerfen, das unter dem euphemistischen Begriff „Nachrichtensperre“ firmierte, die Balz als „Desinformationskampagne der Bundesregierung“ bezeichnet. Die Öffentlichkeit wurde außer Kraft gesetzt, und die exekutiven Funktionen wurden von einem durch keine demokratische Institution legitimierten „Krisenstab“ übernommen, während sich das „gesunde Volksempfinden“ in wüsten „Kopf-ab“-Fantasien austobte. Politische Eliten und Bevölkerung formierten sich im autoritären Rollback im starken Staat, der angesichts eines imaginierten „Weltbürgerkriegs“ demokratische Rechte unwiederbringlich liquidierte.
Es ist bezeichnend, dass sich Funktionäre der Medien später mit der Nachrichtensperre kaum kritisch auseinandersetzten und anlässlich der Gedenkfeiern des „Deutschen Herbstes“ selbstgefällig auf die eigenen Schultern ob der erfolgreichen Verteidigung des demokratischen Rechtsstaates klopften. Umso notwendiger ist Balz’ exzellentes, lesenswertes Buch, das die Erinnerung an dieses Kapitel bundesrepublikanischer Medien wachhält, deren Verhalten symptomatisch in Zeiten terroristischer Bedrohung ist.

 

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