Leider hat sich die kritisierende Öffentlichkeit der Rezensenten beim Blick auf das Jubiläumsprogramm der vierzigjährigen „es“ vornehmlich mit dem dort gleichzeitig publizierten, jedoch sprachlich und gedanklich höchst dürftigen „Traktat“ von Baumans kanadischem Kollegen Ted Honderich beschäftigt, der in seinem pauschalen Rundumschlag „Nach dem Terror“ der Ersten Welt individual-moralisch ins Gewissen reden will, damit sie die Dritte Welt nicht vergisst und der dabei en passant die palästinensischen Selbstmordattentate für moralisch gerechtfertigt hält – als seien es Individualentscheidungen und nicht politisch-ideologisch instrumentalisierte Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Intelligent und brillant
Dabei hat das damit partiell skandalisierte es-Jubiläumsprogramm mit Zygmunt Baumans „Flüchtiger Moderne“ nun wirklich ein Buch vorgelegt, das in jeder Hinsicht intelligent, kommunikativ, tiefgreifend und à jour und zudem auch noch brillant, nämlich mit Witz und Eleganz geschrieben ist, so dass man es einzig der deprimierenden Ignoranz der rezensierenden Zeitgenossenschaft zuschreiben muss, dass dieser wahrhaft klassische Essay nicht die nachhallende Resonanz, Aufmerksamkeit und Verbreitung gefunden hat, die er als allgemeinverständliche Tendenz-Analyse von Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaften verdiente. Selbst wenn, nach Hegels berühmtem Diktum, „die Eule der Minerva erst in der Dämmerung zu fliegen beginnt“, scheint es heute, dass ihr Flug noch nicht einmal mehr bei uns bemerkt wird, weil die selbstverschuldete Dunkel-& Dumpfheit der Intellektuellen so übermächtig geworden ist, dass sie nur noch reflexhaft auf den naheliegenden Boden starren und nicht mehr zum Himmel aufblicken können – wo z.B. Zygmunt Bauman der „Flüchtigen Moderne“ seine erhellenden Befunde nachschickt.
Der Kapitalismus und seine Kollateralschäden
Der englische Soziologe unternimmt es, die postsozialistische Allgegenwart des Kapitalismus und die scheinbar unhintergehbare und irreversible Moderne im Lichte unserer jüngsten Erfahrungen zu durchleuchten. Ihm geht es um eine Definition des gegenwärtigen multiversalen, globalen, technifizierten Kapitalismus und welche „Folgekosten“ er den in ihm Lebenden abverlangt und welche „Kollateralschäden“ er ihnen zufügt. Es ist zuinnerst ein Essay über Menschen, unsereins.
Was die Autoren des Kommunistischen Manifests noch fortschrittseuphorisch als „das Verdampfen alles Ständischen und Stehenden“ durch die Globalisierung der kapitalistischen Ökonomie feierten, das sieht Bauman zurecht erst jetzt realiter verwirklicht. Da die Marxsche Hypothese eines dialektischen Umschlags, der aus der gesamtgesellschaftlichen kapitalistischen Tabula Rasa in das kommunistische Reich der Freiheit und Humanität führen sollte, mangels falsch „berechneter“ welthistorischer Perspektive einer proletarischen Revolution, auf Nimmerwiedersehn ausblieb, ist zwar alles erodiert, verdampft oder verloren gegangen, was rund zweitausend Jahre lang die Gesellschaften im Kleinen (der Familien) und im Großen (der Staaten) zuinnerst & zwangsweise sozial zusammenhielt; aber die Trias von Deregulierung, Liberalisierung und Flexibilisierung, die nicht nur die ominöse „Agenda 2010“, sondern alle unsere sozialen und intimen individuellen Lebensbereiche wie ein roter Faden durchwirkt oder wie ein Gottseibeiuns untröstlich begleitet, hat eine verbrannte soziale Erde hinterlassen, bzw. vor Augen, bei der keiner weiß, wo sie endet und die versprochenen „blühenden Landschaften“ umso utopischer geworden sind, je unerreichbarer sie erscheinen. Genau genommen, argumentiert Bauman, ist uns strukturell das Ziel aus den Augen verschwunden und die beschleunigte Bewegung der Hegelschen „Furien des Verschwindens“ alles, was uns davon geblieben ist; erstaunlich dass dem findigen Metaphoriker Bauman, der seine Erkenntnisse so oft durch bildliche Gleichnisse aus dem Alltag zu versinnlichen versteht (z.B. die Gesellschaft als Campingplatz), nicht am Ende zum Bild des Hamsters im Laufrad gefunden hat, um das zugleich Stationäre und Bewegliche unserer Existenz in der „Flüchtigen Moderne“ zur Anschauung zu bringen.
Nomadisierung und Mobilität als Leitwährungen
„Flüchtige Moderne“ heißt auf deutsch sein fünfteiliger Essay, was englisch von ihm „Liquid Modernity“, also flüssige Moderne genannt wurde. Im Deutschen werden damit zwei Assoziationen freigesetzt, die Bauman ansprechen will: das Fliehend-Schnelle der Moderne und das Ephemere, folgenlos-rasant Vorübergehende. Das Verhältnis von Raum & Zeit ist durch die neuen Technologien derart verändert worden, dass alle traditionellen Verlässlichkeiten aufgehoben sind. Nomadisierung und Mobilität sind heute Leitwährungen, wo es früher Sesshaftigkeit und Solidität waren. Der Raum der Öffentlichkeit wird ausschließlich zur Bühne privater Dramen, auf der Politik zum Entertainment der Personality-Show mutiert ist (geradezu idealtypisch bei uns: „Sabine Christiansen“.)
Die Welt der „alten Moderne“ des 19. & 20.Jahrhunderts, in der Überwacher und Überwachte, Kapital und Arbeit aneinander örtlich gebunden waren und die industrielle Gesellschaft von Bauman als „schwer, solide, kondensiert, systematisch“ beschrieben wird, ist zur „Flüchtigen Moderne“ geworden, die er als „leicht, flüssig, diffus und netzwerkartig“ bezeichnet: ohne Ziel, ohne Zentrum, ohne Ankunft, immer in reflexartiger Bewegung. Der klassische Bourgeois & Citoyen hat sich in den Konsumenten verwandelt, dem das „Allgemeinwohl“ egal ist: „Verbesserungen werden heute nicht mehr am ausgeglichenen Staatsbudget, sondern an der individuell spürbaren Steuersenkung gemessen“, konstatiert Bauman, als kommentierte er den jüngsten deutschen „Reform“-Hick-Hack – schließlich hat der britische Soziologe die verheerenden Folgen des Thatcherismus („there is no such thing as society“) schon hinter sich, die nun zeitverzögert in Deutschland eintreffen und nahe vor uns liegen. Deshalb ist sein großer Essay auch jetzt so etwas wie ein Kursbuch für unsere gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Bewegungen und Weichenstellungen.
Das Verschwinden der Macht
Die Strategien der heute herrschenden Mächte bestünden nicht mehr darin, sich demonstrativ & sichtbar übermächtig aufzubauen, sondern durch „Verschwinden, Vermeiden, Ausklinken“ sich unsicht- & unfassbar zu machen: als virtueller global Player, konstatiert Bauman. Deshalb ist die Angst vor dem zentralisierten Totalitarismus eines „Big Brother“ nicht mehr zeitgemäß in einer dezentralisierten Welt „verflachter“ Hierarchien, in der zwar „ die Risiken und Widersprüche nach wie vor sozial produziert werden“, man aber „zu ihrer Bearbeitung individuell genötigt wird“. Die virulente Lebensangst, nicht mehr konform, flexibel oder à jour zu sein, richte sich für die von allen Bindungen und Grundsätzen radikal „befreiten“ Individuen, auf den Dauerstress, „den sich schnell vermehrenden großen Brüdern und Schwestern das Geheimnis des Erfolgs abzuschauen“ und jederzeit für alle unvorhersehbaren Anforderungen „fit“ zu sein.
Deshalb unterzieht der Adorno-Preisträgerer von 1998 die „Kritische Theorie“ Marcuses und Adornos einer triftigen Kritik. Deren Verteidigung des Individuums gegen die Eingriffe von Politik und Gesellschaft seien deshalb obsolet geworden, weil „das Öffentliche“, in dem allgemeine Interessen mit privaten Sorgen aufeinandertreffen könnten, durch das Private kolonisiert worden sei. „Jede wahre Befreiung“, kritisiert Bauman Herbert Marcuses emphatischen „Versuch über die Befreiung“ heute, „muß nicht auf weniger, sondern auf ein mehr an `öffentlicher Sphäre´ und öffentlich gefaßter Macht setzen“. Denn „öffentlich gefasste Macht bedeutet zwar „unvollständige Freiheit des Individuums, aber wenn diese Macht sich zurückzieht oder verschwindet, droht die praktische Ohnmacht der rechtlich durchgesetzten Freiheit“. Es komme heute nach Baumans Analyse darauf an, „das in Vergessenheit geratene Handwerk der Bürgerexistenz wiederzubeleben“, weil der „Weg vom Individuum de jure zum Individuum de facto über den Status des Bürgers führt. Ohne autonome Gesellschaft keine autonomen Individuen. Gesellschaftliche Autononmie erfordert freiwillige und fortlaufende deliberative Selbstkonstitution, die nur über eine gemeinsame Anstrengung aller Beteiligten zu haben ist“. Aber dieses Solo für den Bürger, der die „öffentlich gefasste Macht“ als rechtlichen Schutzmantel gegen den selbstbezüglichen Individualismus begreift, ist so gut wie nirgendwo mehr zu vernehmen im laut brüllenden Chor der Deregulierer und Privatisierer, die allerorten das Credo der verheerende Ideologie des Neoliberalismus vom immer gleichen Blatt absingen.
Der Profit der Produzenten wie ihrer Konsumenten erwachse heute aus der Geschwindigkeit des Recyclings, des Alterns, der Entsorgung und Neuanschaffung der Produkte. Um die völlige Verkehrung der herkömmlichen ökonomischen Weltordnung prägnant zu charakterisieren, widmet Zygmunt Bauman Clausewitz´ berühmte Formulierung um: „Der Krieg ist heute die Fortsetzung des globalen Freihandels mit anderen Mitteln“ (was nebenbei auch von Marx sein könnte). Aber ein Krieg mit Eroberungen, die nicht mehr mit Bodentruppen, sondern mit Wirtschaftsdurchdringungen und Marktanteilen gesichert werden. Deshalb ist die us-amerikanische Truppenpräsenz, könnte man derzeit hinzufügen, im Irak kontraproduktiv und „behind the time“.
Auch konnte Bauman nicht ahnen, dass auf die „Unsichtbarkeit“ und „Ungreifbarkeit“ der herrschenden Mächte im modernen Kapitalismus dessen atavistischste Feinde mit dem gleichen Mittel reagieren würden: mit der unvorhersehbaren terroristischen Aktivität einer dezentralisierten „Armee des Schattens“. Die alltägliche Angst des Konsumisten, nicht à jour zu sein, wird bald (nicht nur mehr an den derzeitigen kriegerischen Brennpunkten) begleitet werden von der Angst, die lokale Sicherheit zu verlieren. Deren Vorbote war der 11.9. 2001.
Entfesselte Konsumenten
Brisant und erhellend ist aber Baumans „Flüchtige Moderne“ besonders für solche Alltags-Phänomene wie Talkshows, Life-Politics, Shoppen, Kaufrausch, Wohnen oder Ehe und Lebensgemeinschaft, denen der britische Soziologe seine ausgreifende Aufmerksamkeit en détail widmet. Zygmunt Baumans phänomenologischen Überlegungen zur entfesselten Konsumentengesellschaft sind sinnlich erfahrbar bei der Lektüre erst so recht deshalb, weil er seine Analysen sich um die Begriffe Emanzipation, Individualität, Zeit/Raum, Arbeit und Gemeinschaft auskristallisieren lässt – und man erschrocken an seinen vielfältigen Mikrobeobachtungen & Reflexionen das ganze Ausmaß dessen erkannt sieht, was Pier Paolo Pasolini in den Siebziger Jahren bereits als „anthropologische Mutation“ bezeichnete, nämlich eine allseitige, tief in die Psyche eingreifende und sich fortzeugende Mentalitätsveränderung der Menschen im umfassenden „Konsumismus“.
Die nicht gerade kapitalismuskritische „Neue Zürcher Zeitung“ schrieb zu dem Buch, dem sie gleichwohl nur einen knappen Hinweis widmete, es sei „nicht das Schwarzgallige an Baumans Analyse“, was einen „besteche, sondern die Redlichkeit und die Sprachmacht, mit der er beschreibt, worum wir alle wissen, was wir aber kaum je auf solch ungeschönte Begriffe zu bringen wagen“. Man könnte die gleißende Illumination, mit welcher der britische Soziologe „das Dunkel unseres gelebten Augenblicks“ (Bloch) er- & durchleuchtet, nicht besser charakterisieren – und sich selbst keinen größeren Gefallen tun, als in diesen Spiegel zu blicken, gegen den z.B. „Der Spiegel“ blind ist.
Wolfram Schütte
Zygmunt Bauman: „Flüchtige Moderne“.
Essay. Aus dem Englischen von Reinhard Kreissl.
edition suhrkamp Nr. 2447.
Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a.M. 2003.
Kartoniert. 260 Seiten. 12 ¤
ISBN: 3-518-12447-1