Selten trifft man als Erwachsener bei Büchern noch auf das jugendliche Glücksgefühl einer Lektüre, die einen so gefangen nimmt, dass man zugleich sowohl mit ihr nicht aufhören als auch sie anhalten möchte, um das Glück des Gelesenen und das Versprechen des noch zu Lesenden aufzusparen. Gewöhnlicherweise handelt es sich dabei um spannende, abenteuerliche Geschichten, verschlungene Romane von Karl May bis Henning Mankell etwa. Bei "seriösen" Sachbüchern wird das wohl kaum einem passieren, und bei einer Sammlung von theoretischen Essays, Glossen, Interviews eines unbekannten Film- & Fernsehjournalisten, der bereits 1992 in Paris gestorben ist, dürfte das schon gar nicht der Fall sein. Ist es aber, zumindest für mich.
Kein Filmbuch der letzten Jahrzehnte war derart überraschend, auf- & anregend, reich an An- & Einsichten, elektrisierenden Thesen, verblüffenden Erkenntnissen über das Kino, den Film, das Fernsehen, die Werbung - wie das eben im Verlag Vorwerk 8 erschienene Buch Serge Daneys. Unter dem Titel "Von der Welt ins Bild" hat die österreichische Filmtheoretikerin Christa Blümlinger, derzeit Universitätsassistentin an der Berliner FU, auf 282 Seiten eine Auswahl der in mehreren Büchern gesammelten Arbeiten des mit nur 48 Jahren an Aids gestorbenen französischen Filmjournalisten vorgelegt. Der von der "Dokumentarfilm Initiative im Filmbüro NW und dem NRW-Kulturministerium" finanziell geförderte Serge-Daney-Reader ist (z.T. von der Herausgeberin) vorzüglich übersetzt, annotiert und mit einem einführenden Vorwort versehen worden. Der kleine Verlag, eine Erste Adresse für mediale Crossover-Theorie, hat es wie viele seiner Bücher sorgfältig betreut und in schöner englischer Broschur vorgelegt, die jedoch, aufgrund des engen Satzspiegels und der Bindung, leider vom Leser eine gewisse Handgreiflichkeit bei der Lektüre erfordert.
Für den 1944 geborenen Halbwaisen Daney "war das Kino wesentlichster Ort der Erfahrung" (Blümlinger) und diese wurde geprägt "von einem Gefühl, der Welt anzugehören, wenn wir ins Kino gingen, ein Gefühl von Brüderlichkeit und Freiheit, von dem das Kino zeugte", wie es Jean-Luc Godard ausdrückte. Der welschschweizer Godard war für den Pariser Journalisten Daney der ihm geistig nächste Cineast, und was Godard für das europäische Kino als geistesgegenwärtige Instanz bedeutete, das war (bislang nur in Frankreich erkannt) Daney für das Kino und das Audiovisuelle: eine journalistische Parallelaktivität der Selbstreflexion der Medien in allen ihren sich radikal (ver)wandelnden Aspekten zwischen den 60iger und 90iger Jahren.
Erst als Chefredakteur der "Cahiers du Cinéma"(1970/82), dann als Film- und später TV-Kritiker der Tageszeitung "Libération"(1981/86) und schließlich als Gründer der Zeitschrift "Trafic"(1991), die ihn bis heute als Verteidigung eines anspruchsvollen Dialogs der filmisch-audiovisuellen und der literarisch-philosophischen Aktualitäten und Traditionen überlebt hat, war Serge Daney der bekannteste Kino-Intellektuelle Frankreichs geworden. Er setzte eine bei uns nicht vorhandene essayistische Tradition des öffentlichen Gesprächs fort, die dort von Diderot über Baudelaire und Malraux die kulturellen Leitwährungen der Zeit ästhetisch-politisch diskutierte.
Zweifellos kam die Intensität, Neugier und Souveränität des immer auch skeptischen Autors aus einer existentiellen Bindung an das Kino als dem einzigen und einzigartigen Ort der Erscheinung des Films, in dem Daney nicht allein & zurecht "das zentrale Medium des 20.Jahrhunderts" sah. Das Kino - und zwar in allen seinen Formen und Genres - war für ihn und seine Zeitgenossen, die reflektiert-intellektuellen wie die naiv-konsumierenden, der immer präsente "Augenblick der Wahrheit" über das Leben und die Phantasie; der einzige gesamtgesellschaftliche Ort kollektiver und intimer Wunscherfüllung nach einer Überschreitung und Überschreibung des eigenen Alltagslebens; nicht nur ein Zufluchtsort der Zerstreuung sondern auch einer der Sammlung für die Einbildungskraft und der Welt-Erfahrung.
Das Kino und den dort ablaufenden Film sah er als eine Kunst des Gegenwärtigen, das die Spur vergangener Gegenwärtigkeiten nicht nur aufbewahrte, sondern auch erst zur nachvollziehbaren (kollektiven) Erfahrung verdichtete. Es war für ihn (und seine Generation der "Cinephilen"), nach einem Kurzfilmtitel von Alain Resnais, "das Gedächtnis der Welt". Das Bild, die Montage, die Schauspieler: sie alle zusammen repräsentierten
die Welt, ließen die Zuschauer "sehen lernen" und durch die Gestaltung der Schauspieler Erfahrungen machen, wohingegen im Fernsehen technische Fertigkeiten und die Präsentation von Dingen im Vordergrund stehen. Wenn man "Nuit et Brouillard" und die TV-Serie "Holocaust" vergleicht, wird dieser Paradigmenwechsel im Audiovisuellen evident.
Der "melancholische Zuschauer" Daney, der von der "politique des auteurs" geprägt war, ist gleichwohl nicht unsensibel gegenüber deren Verengungen und Folgen. Was einmal Ausdruck einer persönlichen, individuellen Handschrift war, ist längst zur Personifizierung eines Labels geworden und die " neue audiovisuelle (Welt)Ordnung", wie er in Anlehnung an einen politischen Begriff nach dem Ende der bipolaren Weltordung formuliert, hat das Kino in eines "nach dem Kino" verwandelt, wo nur noch eine "mediale, symbolische Taufe eines signierten Produkts" stattfindet. Da das Fernsehen von der Werbung und der Film wiederum vom Fernsehen abhängig ist, dringt die Werbung auch in den Film ein - nicht nur durch "product placement", für das sich auch ein Sensibilist wie Wim Wenders nicht zu schade war, sondern viel tiefgreifender, nämlich (z.B. via Videoclips von MTV) auf die Form der Bilder & deren Gestaltung, auf die Montage & die Erzählweise. Am Beispiel des kommerziellen Misserfolgs von Wajdas "Mann aus Eisen" und Skolimovskys "Moonlightning", die nicht nur beide aktuellste Reflexionen von Künstlern über die welthistorischen Ereignisse in ihrer polnischen Heimat waren sondern auch auf dem bedeutendsten Filmfestival der Welt, in Cannes, preisgekrönt wurden, offenbarte sich Daney zum erstenmal, dass nicht mehr das Kino vom großen Publikum als das zentrale Medium geistesgegenwärtiger Zeitgenossenschaft wahrgenommen wird, das "seismographisch aufzeichnet und weitergibt, was sich gleichzeitig anderswo im >Realen< abspielt". Das bedeutet, fährt Serge Daney fort, "daß die weltweit durch Satelliten übertragene Fernsehshow von Reagan die einzige Transskription ist, die als zeitgleich zum Ereignis empfunden wird, nicht aber der Film". Damit ist "das Kino nicht tot, aber etwas ist tot im Kino". Daney, der vielfach Verluste bilanziert, die mit dem Verschwinden der Leitwährung Film im öffentlichen Leben dem Fernsehen zugefallen sind - falls sie dort aufgehoben sein sollten, woran Zweifel bestehen -, plädiert in dieser Situation für das "kleine Kino", das die Filmgeschichte qualitativ fortsetzt, also für das de Oliveiras, Straubs, Morettis oder Lars van Triers.
Die hier vorgelegte vielfältige Auswahl seiner Essays und Glossen und der drei großen Gespräche mit Serge Daney lässt sich aber weder auf einen weitreichenden Nachruf der Cinephilie noch auf ein Nachlassen seiner Neugier für die Entwicklungen im Audiovisuellen reduzieren. Denn, im Gegenteil, Daney schärft seinen Blick für unsere Gegenwart an allen ihren anderen, neuen Phänomenen. "Von der Welt ins Bild" präsentiert sich als ein Prisma von ergriffenen Gelegenheiten, genau hinzusehen und dem Gesehenen und Gehörten mit ebensoviel Phantasie wie Weitsicht nachzudenken. Die Anlässe können scheinbar klein und abwegig erscheinen - etwa die heute weitgehend verschwundenen Pausenfüller im TV oder das eingefrorene Bild am Ende eines Films -, aber der Essayist , der genau hier Diderot und Baudelaire als Seismograph fortsetzt, schlägt auch noch aus solchen Minima aestetica die Funken erhellender Ein- & Ansichten. Sie sind keineswegs von bloß historischem Interesse. Davon methodisch angeregt und spekulativ ermutigt, vermöchten einen gerade heute seine Gedanken und Erinnerungen weit & tief in die uns bedrängende Gegenwart des Audio-Visuellen vordringen lassen: zur (Selbst-) Klärung der unübersichtlichen Situation der Zeit nach dem Es-war-einmal-das-Kino.
Von Wolfram Schütte
Serge Daney: Von der Welt ins Bild. Vorwerk 8 Verlag, Berlin, 2000, 282 Seiten, Abb., Engl.Broschur, 38 DM
ISBN 3930916266,