Zugegeben, reizvoll ist diese Vorstellung schon: sich eine Auszeit nehmen, die Satteltaschen packen und einfach losfahren – wie der Schriftsteller Christoph D. Brumme. Der macht sich im Mai 2007 auf den Weg. Im Gepäck ausgewählte Lektüre: Kafka und Kleist, Dostojewski und Beckett. Im Brustbeutel um den Hals: ein kleines Diktiergerät mit 18 Stunden Aufnahmezeit. In der Lenkertasche: ein scharfes Messer. Das Ziel: Saratov, eine russische Stadt an der Wolga.
Reise in die schwarze Mitte Europas
Freunde und Bekannte registrieren mit Sorge diese wagemutige Tour Richtung Osten. „Im Mietshaus kennt man den Nachbarn von gegenüber nicht, aber dass der Schleusenwärter vom Dnjepr ein Dieb ist, weiß man ganz genau.“ Zudem gilt der Autor nicht unbedingt als Sportskanone. Der frühere Regieassistent und studierte Philosoph verfasste zwar bereits vier Romane, zahlreiche Essays, Interviews und Reportagen und bewies damit Ausdauer – doch die Reise nach Saratov ist seine erste größere Radtour. Genau 8353 Kilometer lang. Dabei wird ihm klar, dass die geographische Mitte Europas in der südwestlichen Ukraine liegt. Nicht irgendwo in Deutschland, wie man hierzulande gerne vermutet.
Selbstironisch belächelt Brumme sein eigenes Outfit, „das Kostüm eines Tour-de-France-Teilnehmers, dem die Jahre der Büroarbeit anzusehen sind.“ Soll er überhaupt so einen albernen Helm aufsetzen? Doch rasch kommt er in Fahrt. Am zweiten Tag erreicht er bereits die polnische Grenze, acht Tage später die Ukraine. Kaum hat er den ersten Muskelkater überwunden, schwingt er sich zu einer rauschhaften Tagesleistung von 150 Kilometern auf.
Kartoffelpüree und Kirschsaft
Brumme übernachtet im Wald oder in billigen Unterkünften, ernährt sich von Schaschlik, Kartoffelpüree und Kirschsaft, sagt aber auch zum Wodka nicht Nein, wenn er denn der Völkerverständigung dient. Nebenbei fotografiert er Alltagsszenen oder mosaikverzierte Bushaltestellen, in die er sich dermaßen verliebt, dass ihnen im Buch eine ganze Fotogalerie gewidmet wird. Menschliche Begegnungen (darunter auch Rammstein-Fans und „Geil-Gitler“-Skandierende) wechseln ab mit Selbstgesprächen und literarischen Reflexionen („Thomas Mann bindet Schleifchen in die Sätze, Kafka Rubine und Rasierklingen“). Alle Eindrücke reiht Brumme wie auf einer Perlenkette auf, nicht geschönt oder inszeniert, eher der natürlichen Chronologie folgend.
Dieses Buch ist kein Radtourenführer, reicht aber auch an die sprachliche Brillanz von Wolfgang Büschers Reisebericht „Berlin-Moskau“ nicht heran. Wer gern mehr über die slawische Seele erfährt, wer sich an farbenfrohen Landschafts- und Klimabeschreibungen erfreuen kann, wird jedoch sicherlich Spaß an der Lektüre haben. Immerhin war der Autor selbst so begeistert von der Tour, dass er sie inzwischen schon zum dritten Mal abgefahren ist. Als Losung stets die Kafka-Sentenz im Hinterkopf: „Wie kann man sich auf die Welt freuen, außer wenn man zu ihr flüchtet.“