Österreich? Ja, das glauben wir zu kennen. Eine beliebte Reisedestination mit atemberaubenden Landschaften und traditionsreichen Skiorten. Eine kulturelle Hochburg mit musikalischen und literarischen Highlights, die Heimat von Mozart und Haydn, von Robert Musil und Ingeborg Bachmann. Ein Freilichtmuseum mit imposanter k.u.k.-Architektur und einzigartigen Naturschönheiten. Ein Kulinarium mit Sachertorte und Wiener Schnitzel, mit Gösser-Bräu und Kaffeehäusern.
Insel der Seligen
Österreich ist nicht nur als idyllisches Touristenparadies bekannt, sondern auch als Einwanderungsland begehrt. Immer mehr EU-Bürger zieht es dorthin, auf die „Insel der Seligen“ – wobei kurioserweise gerade die Deutschen als größte Einwanderungsgruppe gelten. So ist es nicht mehr befremdlich, in einem österreichischen Ausflugslokal von einem sächsischen Kellner bedient zu werden. Fast könnte man meinen, die oft ambivalente Beziehung zwischen Ösi und Piefke hätte sich endlich nivelliert und neutralisiert.
Auch die deutsche Journalistin und Politikwissenschaftlerin Marion Kraske hat als Auslandskorrespondentin für den Spiegel einige Jahre in Wien gelebt und sich als profunde Kennerin der österreichischen Befindlichkeiten etabliert. An kritischen Auseinandersetzungen mit den Abgründen des eigenen Landes mangelt es zwar österreichischen Autoren nicht (ich denke an Josef Haslingers kristallklar kluge Essay-Sammlung „Klasse Burschen“ oder Andrea Maria Dusls freche „Österreichische Oberfläche“), doch nun wagt tatsächlich eine „Zuagroaste“ den analytischen Blick. Wo die Deutschen doch eh schon als humorlose Besserwisser verschrien sind.
Kärtner Verrücktheiten
Wer Kraskes „Beobachtungsreise zu Österreichs Merkwürdigkeiten“ allerdings als Abrechnung lesen möchte, liegt falsch. Eher handelt es sich um ein Aufdecken der Kehrseite eines allzu bekannt scheinenden Idylls. Um ein Aufzeigen von Verdrängungsmechanismen, politischen Auswüchsen und Geschichtslügen. Akribisch recherchiert und eingängig präsentiert, hat Kraske eine Überfülle an Fakten aufbereitet, die auf Fremdenhass, Korruption und falsche Heldenverehrung in unserem Nachbarland hindeuten.
Schonungslos seziert die Autorin die gesellschaftliche und politische Situation Österreichs. Obwohl in der Mitte Europas gelegen (von Wien aus gelangt man in 75 Minuten mit dem Tragflächenboot nach Bratislava, in 3 Stunden mit dem Zug nach Budapest und in wenigen Stunden an die Adria), sucht man im Alpenstaat vergeblich ein europäisches Selbstbewusstsein. Eher schüren Blätter wie die Kronen Zeitung eine allgegenwärtige EU-Verdrossenheit, ja geradezu Europhobie. Eher werden im Kärtner „Ortstafelstreit“ die verbrieften Rechte von ethnischen Minderheiten mit den Füssen getreten. Da verwundern auch politische Slogans wie „Daham statt Islam“ oder „Abendland in Christenhand“ nicht mehr.
Tu felix Austria?
Systematisch demaskiert und demontiert Kraske das (Zerr)-Bild unseres Nachbarlandes. Viel Hintergründiges erfahren wir so über die fast schon hysterisch anmutende Haider-Manie, über eine weit verbreitete „Freunderlwirtschaft“ oder die zwielichtige Erfolgsgeschichte der Kronen Zeitung. Ein aufschlussreiches Literaturverzeichnis belegt Kraskes Quellen und lädt durchaus zum selbständigen, vertiefenden Weiterlesen ein. „Ach Austria!“, scheint die Autorin noch einmal zu seufzen. Und zitiert zum Ende den Historiker Rabinovici: „Die Vergangenheit kommt hier immer wieder hoch. Es ist als lebten wir im Sumpfland. Alles versinkt ins gemeinhin Bodenlose.“