Frei schwebendes Jonglieren
Ohne Paradoxien, Widersprüche und Übertreibungen, gegen die Engler als einzige Lösungsmittel immer wieder Lebenserfahrung und pragmatische Klugheit anführt, geht es auch bei dieser Dialektik der Aufrichtigkeit als einer Ethik menschlichen Zusammenlebens nicht ab. Idealistische Blauäugigkeit, Eindimensionalität oder blinden Moralismus kann man Engler bei seiner historischen Darstellung vom Aufstieg der Aufrichtigkeit bis zu ihrem heutigen Verfall in eine sich rigoros selbstverwirklichende „Authentizität“ nicht vorwerfen.
„Das kostbarste Firmenkapital besteht aus Vertrauen“, das über Jahre und Jahrzehnte gewachsen ist: das galt für die Geschäftspraxis im „alten“, gewissermaßen „seriösen“ Kapitalismus. Dieser „aufrichtige“ Kapitalismus war, in Englers Worten, eine „profitträchtige Bedürfnisbefriedigungsmaschine"; und solange sie „funktionierte“, hätten alle an ihr Beteiligten Gewinn daraus gezogen. „Mehr oder minder“ – würde jedoch ein Marxist Englers Idealbild korrigieren, in dem es keine „Ausbeutung“ gibt.
Aus diesem rational-pragmatischen, moralisch grundversicherten Kapitalismus, der einem von Adam Smith prognostizierten ökonomischen Paradies entsprach, seien wir erst kürzlich in die derzeitige Hölle vertrieben worden. „Alles begann“, so lautet Englers Introitus der Schwarzen Messe des von ihm so genannten „Abstrakten Kapitalismus“ - : „Alles begann mit „der Heraufkunft und >Machtergreifung< eines neuen Unternehmertypus: des sozial frei schwebenden Finanzjongleurs (...) Er degradiert Produktion zum lästigen Umweg der Gewinnmaximierung und wälzt deren Risiken ebenso geschickt wie unbarmherzig auf den Endverbraucher ab“.