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Egon Fabian: Anatomie der Angst

15.04.2010

Man bekommt es mit der Angst zu tun ...

… bei Egon Fabians Buch, in dem er die zahlreichen, mitunter klinisch differenzierten Formen, in denen Ängste auftreten, auf die dem Menschen innewohnende Urangst zurückführt. Von CHRISTIAN NEUBERT

 

Die zahllosen Erscheinungsformen, wie uns Ängste begegnen, so Egon Fabian, Chefarzt der Dynamisch-Psychiatrischen Klinik Menterschwaige in München, lassen sich auf eine originäre Urangst zurückführen. Die individuellen Bewältigungsstrategien, die das Subjekt entwickelt, um seinen differenzierten, spezifischen Ängsten Herr zu werden, offenbaren schließlich den jeweiligen Umgang mit der Urangst. Fabian will diese, knapp umrissen, als die Angst vor der Begegnung des Individuums mit der Tiefe seines Seins verstanden wissen, worunter unvermeidlich die Todesangst fällt – und die in die Angst vor der Angst mündet.

 

Fabian räumt zunächst einmal ein, dass sich die Wissenschaft schwer damit tut, Angst als Begriff erschöpfend definieren zu können. Innerhalb der Philosophie, vorrangig bei den europäischen Existenzialisten, würde man diesbezüglich auf fruchtbareren Boden treffen. Am geeignetsten scheinen jedoch, so Fabian, Kunst und Literatur zu sein, um den Angstbegriff greifbar zu machen.

 

Wer den Schrei von Edvard Munch oder die Bilder von Bosch, Kubin, van Gogh und den Surrealisten gesehen, die Gedichte Ingeborg Bachmanns oder Kafkas Prosa gelesen hat, wird mehr von der Angst verstanden haben als durch viele Abhandlungen der Fachliteratur.

 

Der alte Affe Angst

Die Angst hat die Menschheit durch alle Epochen hindurch begleitet und beschäftigt. Die Gegenwart allerdings schürt bei uns – ein Novum innerhalb der Menschheitsgeschichte – Ängste, die wir (wissentlich!) selbst verursacht haben. So sehen wir Menschen des Multimediazeitalters uns nicht etwa der Pest als einer Strafe Gottes ausgeliefert, sondern tagtäglich mit allgegenwärtigen Bedrohungen wie dem bevorstehenden Klimawandel, der Wirtschaftskrise und der Möglichkeit, Opfer eines Terroranschlags zu werden, konfrontiert. Gleichzeitig geht der Stellenwert ursprünglich sinnstiftender Institutionen zunehmend verloren – „die Sicherheit alter Bräuche, Mythen, kultureller Traditionen schwindet wie die Gletscher auf Grönland. Der moderne Mensch bleibt angesichts seiner Ängste allein. Das ist das Neue.“

 

Die Populärwissenschaft reagiert auf den aktuellen Tatbestand mit einer Offensive, die gegen die Angst mobil macht, so als handele es sich bei der Angst um einen Infekt, den man mit entsprechenden Mitteln erfolgreich und nachhaltig bekämpfen könne: Diverse Ratgeber und Seminare wollen Methoden kennen, um „Ängste besiegen“ oder „angstfrei leben“ zu können. Dabei ist die Angst, so Fabian, als ein Urgefühl der menschlichen Existenz untrennbar mit dem Leben verbunden – und ein Defizit an Angst gefährlich und eher krankhaft als erstrebenswert zu nennen.

 

Angst als Begleiter verstehen, nicht als Gegner

Dem Autor zufolge unterscheiden sich die Menschen lediglich „in der Art, wie sie gelernt haben, die Angst auszudrücken. Und sie unterscheiden sich wesentlich in der Art, wie sie mit der Angst umgehen, mit anderen Worten in ihrer Art, die eigene Angst vor der Angst zuzulassen oder abzuwehren, zu verdrängen oder zu konfrontieren.“ Die vom jeweiligen Individuum angewandten Methoden werden schließlich, gemessen an der jeweiligen Gesellschaft, als „normal“ oder als abnorm und womöglich krankhaft wahrgenommen. Doch nicht nur bei den klassischen Angststörungen, sondern bei praktisch allen sogenannten psychischen Störungen spielt die Angst eine entscheidende Rolle: Fabian hält sie stets für zumindest mit ursächlich und erläutert daraufhin, in welchen Formen sich die Angst typischerweise bei bestimmten psychischen Krankheitsbildern offenbart, bevor er darlegt, worin die Möglichkeiten und Gefahren verschiedener Therapieformen liegen. Hierbei spricht er sich deutlich gegen eine in erster Linie auf Medikamente gestützte, biologistische Therapie aus.

 

Fabians gut gegliedertes, auch für Laien leicht verständliches Buch liefert einen umfangreichen Einblick in das Wesen der Angst und in die Entstehung der auf Ängste basierenden psychischen Krankheitsbilder. Als Fachbuch richtet es sich zwar an ein klar umrissenes Publikum, verschließt sich aber aufgrund seiner einfachen Zugänglichkeit auch nicht vor dem fachfremden, lediglich interessierten Leser. Einen Ratgeber darf man sich von der Anatomie der Angst allerdings nicht erwarten, wie es der unglücklich gewählte Untertitel vielleicht vermuten lässt. Wobei: Fabians Werk gibt deutlich zu erkennen, weshalb man solche Publikationen ohnehin links liegen lassen sollte.

 

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