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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 13:14

Susanne Schmidt: Markt ohne Moral

13.05.2010

Die Krise ist noch nicht vorbei

Die Nationalökonomin Susanne Schmidt findet, dass die Banker nicht genug Zeit hatten, um aus ihren Fehlern zu lernen. Von STEPHANIE SCHILLER

 

„Als ich im Mai 1979 nach London kam, war Margaret Thatcher gerade zur Premierministerin gewählt worden.“ So beginnt die promovierte Nationalökonomin Susanne Schmidt ihr Buch Markt ohne Moral. Erste Sätze haben immer einen besonderen Zauber. Im besten Fall machen sie neugierig. Dieser auch, denn es ist schon erstaunlich, dass eine Frau im ersten Satz eines Buches auftaucht, in dem es dann auf 208 Seiten hauptsächlich um Geld gewordene Männerfantasien geht. Eine Frau als Gallionsfigur am Geisterschiff der Banker.

 

Tendenziell Chauvinist

Eigentlich wissen wir mittlerweile alles über die Finanzkrise. Oder meinen alles darüber zu wissen. Dauernd versucht uns jemand über die Folgen aufzukären. Das, was die Krise angerichtet hat, spüren wir im schlimmsten Fall täglich. Susanne Schmidt aber gibt den Ursachen Gesichter (so wie das von Margaret Thatcher, deren Deregulierungspolitik sie für eine Voraussetzung der Krise hält). Sie nimmt uns mit in die Londoner „City“, in das „Epizentrum der europäischen Finanzpolitik“, damit wir den typischen City-Manager kennenlernen.

 

Er ist weiß, tendenziell Chauvinist, ein bisschen arrogant, was seinem Jahresgehalt entspricht, auf Rassentrennung bedacht, nicht eben frauenfreundlich. Ein „weißer Männerklüngel“. Wer über 40 ist, ist alt. Erfahrung zählt weniger als Risikobereitschaft. Jeder kämpft gegen jeden und entwickelt dauernd neue Modelle, um mit Geld Geld zu verdienen. Koste es, was es wolle. Bezahlen tun andere.

 

... dann will man ihr das glauben

Susanne Schmidt hat selbst 30 Jahre in der „City“ gearbeitet. Zwanzig Jahre als leitende Bankerin, zehn Jahre als Finanzjournalistin. Sie ist also Bankerin, eine von denen. Was sie unterscheidet: Als Tochter von Altbundeskanzler Helmut Schmidt ist sie „durch und durch sozialdemokratisch“ aufgewachsen. Daher vielleicht ihr kritischer Unterton, in dem mitschwingt, da glaubt noch jemand an das Gute. Susanne Schmidt wollte immer im Bankwesen arbeiten. Weil für sie eine gelungene Wirtschafts- und Finanzpolitik für den Wohlstand und das Wohlbefinden der Menschen von immenser Bedeutung ist. Wenn sie schreibt, „Ich hatte das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun“, dann will man ihr das glauben.

 

Ungeschoren davongekommen

Was Susanne Schmidt ihren Kollegen in der „City“ vorwirft, lässt sich vor dem Hintergrund ihrer Herkunft und ihrer Haltung gut begreifen. Die Banker, meint sie, haben den Bezug zur realen Welt verloren. Dabei seien sie gar nicht einmal unmoralisch, vielmehr amoralisch. „Die Tatsache, dass der Bürger mit seinem Steuergeld und seinem Arbeitsplatz für die derzeitige Bankenkrise bezahlt, ficht die Hochverdienenden in der City schon überhaupt nicht an. Wer Schuldgefühle entwickelt, ist fehl am Platz.“ Kapital braucht Krise: Die Börse belohnt Personalabbau, verheerende Katastrophen bieten Wiederaufbau-Chancen. Der 11.9.2001 war den Analysten lediglich eine „veränderte Sachlage“, für die es sofort neue Anlageempfehlungen gab. Da wundert es auch nicht, dass die in der „City“ sich längst wieder benehmen, als hätte es seit dem Zusammenbruch der Lehmann-Bank im September 2008 keine Pleiten gegeben, keine Entlassungen, keine Milliardenprogramme zur Bankenrettung, keine Ver- und Teilverstaatlichungen von Geldinstituten, keine Staatsbankrotte. Die Banker der „City“ sind ungeschoren davon gekommen.

 

Die Schmidt´schen Forderungen:

1. Kein „Moral Hazard“ mehr, was übersetzt in etwa so viel heißt wie „unbesonnenes Verhalten, das man sich leistet, weil keine negativen Konsequenzen drohen“. Banker fallen nämlich deshalb weich, weil das Bankwesen asymmetrisch ist: „Gewinne werden privatwirtschaftlich vereinnahmt, Verluste auf die Gesellschaft als Ganzes verteilt.“

2. Weg vom „Too big to fail“, dem Freibrief für Banken und Großunternehmen, deren Pleite sich eine Volkswirtschaft angeblich nicht leisten kann.

3. Geldgeschäfte in Zukunft ohne Netz, also ohne Option auf staatliche Milliardenprogramme als Rettungsfonds

4. eine bessere, weltweite Aufsicht der Finanzmärkte

5. mehr Transparenz

6. unabhängige Rankingagenturen

7. „Augenmaß und Courage“ bei allen Beteiligten. Banker sollten wieder Dienstleitster der Realwirtschaft sein und überhaupt: Keinen „Giftmüll“ mehr produzieren dürfen – diese dubiosen Finanzpakete, die so oft neu geschnürt und weiterverkauft werden, bis sie ihren Gegenwert verloren haben (wir erinnern die US-Immobilienhypotheken, die den Wert der ihnen zugrundeliegenden Immobilien weit überstiegen und so zum Zusammenbruch des Finanzmarktes führten).

 

Weil milliardenschwerer Giftmüll dieser Art noch immer in den Bilanzen internationaler Banken versteckt sein dürfte, ist die Krise übrigens auch noch nicht vorbei. Manchmal träume ich davon, dass Bücher anders aufhören. Dr.Susanne Schmidt beendet ihrs mit einer Reihe beunruhigender Fragen.

 

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