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Rumänische Apfelpflücker, kroatische Friedhofspfleger, ungarische Flurwächter und serbische Schachgroßmeister - Landolf Scherzer hat sie alle liebevoll porträtiert auf seiner mehrwöchingen Wanderung durch Europas wilden Osten. INGEBORG JAISER hätte ihn gerne begleitet.
Diese Unternehmung startet mit einem Fehlschlag. Eigentlich wollte Landolf Scherzer mit seinem Kumpel Willi in einem Deutz-Traktor durch sieben osteuropäische Länder tuckern. Doch schon in Ungarn bricht ein Achsschenkel und der demoralisierte Traktorist gibt auf. Als der nachgereiste Scherzer nach einer zweitägigen Busfahrt bei 40 Grad Hitze im Kurort Harkany aussteigt, ist er mutterseelenallein. Doch so schnell lässt er sich sein Projekt nicht nehmen. Spontan beschließt er, sich eben zu Fuß auf den Weg zu machen. Über 400 km durch Kroatien und Serbien bis nach Rumänien. Mit einer sperrigen, 18 kg schweren Kraxe auf dem Rücken. Da kommt ihm die Wette mit einem skeptischen ungarischen Kellner („Pardon, der Herr, mit dieser Ausrüstung? Und Verzeihung, der Herr, in Ihrem Alter?) gerade recht. Immerhin geht es um zehn Flaschen feinsten ungarischen Rotweins.
Durch den wilden Osten
Trotz allen Unkenrufen läuft Scherzer los, mit 1000 Euro im Brustbeutel, soliden Sprachkenntnissen und einigem Gottvertrauen. Um es vorweg zu nehmen: ja, er wird nach fünf Wochen im rumänischen Kiszombor ankommen, unausgeraubt, relativ gesund und tief gebräunt, mit der inzwischen mehrfach geflickten, altersschwachen Kraxe auf dem Rücken. Doch schon nach der ersten improvisierten Übernachtung auf einer Klappcouch mistet Scherzer resolut aus: Windjacke und Sonnencreme, Rasierzeug und Gastgeschenke lässt er gezielt zurück. Er will mit dem Nötigsten auskommen und sich jeden Abend ein neues Nachtlager suchen.
So startet er – mit reichlich Improvisationstalent und einem gerüttelt Maß an Neugier gesegnet - seine abenteuerliche Osteuropatour. Dabei steht nicht das Herunterreißen von Kilometern, nicht die sportliche Ambition im Mittelpunkt, sondern die menschliche Begegnung. Bereits in der Vergangenheit hat Scherzer durch ungewöhnliche Reportagen beeindruckt, zuletzt als Der Grenz-Gänger (2005) mit einer Wanderung auf dem ehemaligen Grenzstreifen zwischen Thüringen und Bayern. Seine aktuelle Tour durch den „wilden Osten“, die übrigens von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert wurde, fasziniert durch lebendige Einblicke in europäische Landstriche und Bevölkerungsgruppen, wie sie uns exotischer kaum vorkommen könnten.
Stolze Menschen und öde Orte
Von großer Aufmerksamkeit, Offenheit und Toleranz getragen, teilt Scherzer das karge Mahl mit Bauern und Winzern, diskutiert mit Bürgermeistern und Lehrern, nächtigt in Weinkellern, verlassenen Gehöften, windschiefen Hütten und unter Maulbeersträuchern. Neben aberwitzigen EU-Projekten und aufgelassenen Großbaustellen ist stets auch eine alltägliche Armut und Aussichtslosigkeit präsent. Auch wenn Scherzer niemals urteilt, sondern das Angetroffene erstaunlich wertfrei schildert, lässt sich sein Bericht nicht emotionslos lesen. Er ist ein Appell an die Menschlichkeit, an die Abkehr von Vorurteilen und an ein neues Miteinander in einem vereinten Europa. „Jeder Bettler ist eine soziale Studie und jedes Gespräch eine kleine Lebensgeschichte.“
Ursprünglich als „Gedankenstütze“ geplant, hat Scherzer zahllose Begegnungen auch im Bild festgehalten. 50 seiner Fotografien sind in diesem Buch zu sehen: Schnappschüsse von stolzen Menschen, tristen Ausblicken und öden Orten. Als Scherzer nach seiner fünfwöchigen Expedition wieder mit dem Reisebus nach Deutschland zurückfährt und der Reisebegleiterin von seinen wechselvollen Erlebnissen auf rumänischen Feldern und mit serbischen Zigeunern berichtet, schlägt diese entgeistert die Hände über den Kopf zusammen: „Jesses Maria, da haben Sie aber Glück gehabt.“
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