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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 04:12

Margwelaschwili: Der verwunderte Mauerzeitungsleser

24.06.2010

,,Berlin muß deutsch bleiben!"

Für die einen sind es lästige Schmierereien, andere ignorieren sie - und nur ganz wenige denken einmal gründlich über die Kritzelein und Graffitis an den Mauern unserer Städte nach. Giwi Margwelaschwili traut sich. Von FRANK KAUFMANN

 

Es ist schon eine besondere Perspektive, die Margwelaschwili wählt, um uns an den Deutungen Berliner Mauerschriften teilhaben zu lassen. Und das, obgleich ihn weder Farbe, Form noch die Ästhetik der Schrift interessieren. Allein um den „ontotextologischen Gehalt“ der „Manu-Mauerskripte“ geht es ihm. Wenn da etwa steht: „Berlin muß deutsch bleiben“, so fragt sich der „verwunderte Mauerzeitungsleser“: Was will uns der in der Regel anonym bleibende „Mauerbedichter“ eigentlich damit sagen?

 

Margwelaschwili macht uns in seinem Band aber nicht nur vertraut mit ausgewählten Mauertexten und ihren Deutungen, sondern wir bekommen obendrauf noch eine praktische Einführung in seine (oft an Heidegger erinnernde) Philosophie der „ontotextuellen Verfassung des Menschen“.

 

Was ist das?

Gemeint ist damit das Prinzip, wonach „der Mensch als textlich prädeterminierter, mithin als Textweltmensch existiert“, der heute in einer „ontokontextologisch geprüften Zeit“ lebe. Der Satz „Berlin muß deutsch bleiben“ ließe sich demnach kategorisieren als „eine bestimmte Seinsart propagierende Klartexte“. Oder auch in „kontrapunktisch entworfene Beschriftungen“, etwa wenn das Wort „deutsch“ durchgestrichen und durch „rot“ ersetzt wurde.

 

Mit akademischen Begriffsspielereien dieser Art erschöpft sich Margwelaschwilis Spaziergang durch Berlin aber keineswegs. Es sind die Kontexte, die Margwelaschwili herstellt und die die Lektüre so geistreich machen. Da gab es zum Beispiel während des Zweiten Weltkriegs eine Radiosendung der BBC, die nach Deutschland ausgestrahlt wurde. Sie hieß „Der verwunderte Zeitungsleser“. Margwelaschwili schreibt darüber: „Ich hörte die Sendung, so oft ich konnte. In ihr wurde die Presse des NS-Regimes analysiert und kritisiert, deren Behauptungen wurden widerlegt und (...) als gegenstandslos enthüllt.“

 

Manu-Digiskripte?

Im Umfeld der Rassismen wie der Didaktismen, die sich an den Mauern des heutigen Berlin finden, ließe sich diesem „verwunderten Zeitungsleser der BBC“ von damals, „ein ebenfalls sorgenvoll verwunderter Mauertextleser zur Seite stellen“, so der Autor.

 

Obgleich man natürlich die berechtigte Frage aufwerfen könnte, ob die „Manu-Mauerskripte“ vom Autor nicht weit überschätzt werden, und sich mittlerweile weit wirkungsmächtigere Ontotexte auf ganz anderen Grundlagen und Medien tummeln (im Internet als Manu-Digiskripte vielleicht?), so besticht dieser Essay doch insgesamt durch ein weites Einfangen alltäglicher Wirklichkeiten. Zudem ist da diese wortmächtige Klarheit und (eigenwillige) Begrifflichkeit, die dennoch so luftig daherkommt, dass in ihren Zwischenräumen buchstäblich die Kreativität zuhause ist ... Selbst wenn Margwelaschwili in seinem Duktus also belehrend missverstanden werden könnte, so sitzt ihm doch allzeit ein ontotextologischer Schalk im Nacken.

 

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