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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 04:12

Judith Butler: Raster des Krieges

08.07.2010

Wohin mit all dem Leid?

Judith Butlers neues Buch fragt in fünf Essays nach einem Menschenbild, das unseren globalisierten Konflikten gerecht werden kann. Von JENS ESSMANN

 

Liest oder hört man den Namen Judith Butler, dann wird man sehr oft im Gleichlaut darauf aufmerksam gemacht, dass man es hier mit einer im besten Fall komplizierten, im schlimmsten aber unverständlichen Autorin zu tun habe. Das kann dann wahlweise warnend oder bewundernd klingen - je nachdem, ob man sich auf ihren mal forschen, mal verschachtelten Schreibstil einlassen möchte. Bezeichnend wirkt ihr Einsatz rhetorischer Fragen, der stellvertretend für ein ganzes Werk gesehen werden kann, das zum Antworten, Aufregen und Anknüpfen einlädt.

 

Im Raster

Der neue, bei Campus erschienene Band fasst fünf Essays zusammen, die zwischen 2004 und 2008 entstanden sind. Für die Wiederveröffentlichung wurden die Texte, die alle "vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Kriege" - gemeint sind hier die von den USA geführten - entstanden sind, überarbeitet und mit einem ausführlichen Vorwort versehen. Gemeinsam ist ihnen die Fragestellung nach der Rahmung von "Leben", dem Raster also, das uns beispielsweise dazu bringt, manche Opfer von Kriegen als Individuen zu betrauern, während andere höchstens in ihrer Zahl interessieren. Dieses "epistemologische", also unsere Erkenntnis strukturierende Raster steht nun im direkten Zusammenhang mit einem "ontologischen": Der Frage danach, was überhaupt ein Leben ist. Wie sind die miteinander verbunden, die das Raster trennt - was haben "unsere" Soldaten und "deren" gemein?

 

Spätestens hier - wir sind auf der zweiten Seite der Einleitung angelangt - ist man mitten im Werkkern Judith Butlers. Ob es von da aus, wie in diesem Band, um das Wechselspiel von selbsterfüllendem Fortschrittsglauben und rigider Einwanderungspolitik am Beispiel Frankreichs geht, um eine Neubewertung von Susan Sonntags Schriften über die Fotographie anhand der Folterfotos von Abu Ghraib oder die Möglichkeit eines Anspruchs auf Gewaltlosigkeit, stets schwingen die gewichtigen Themen früherer Veröffentlichungen Butlers mit: Macht, Sprache, Sexualität, Zurichtung. Denn was das "Sein" des Lebens ist, hängt von den "spezifischen Mechanismen der Macht ab, durch welche Leben als solche erst hervorgebracht werden".

 

"Ist das noch ein Leben?"

Normierungen, gesellschaftliche und institutionalisierte Machtausübung bestimmen, was wir überhaupt als Leben anerkennen können. So kennen wir die Namen der Folterer von Abu Ghraib, nicht aber die der Gefolterten. Sie zu betrauern fällt uns damit schwer, wenn es nicht gar unmöglich ist. Ihre Leben sind, aus dieser Perspektive besehen, nicht gelebt worden, sie fallen uns aus dem Raster, taugen grade noch für die Statistik. Der so lapidare Seufzer "Ist das noch ein Leben?" wird von Butler beim Wort genommen - was ist "noch" ein Leben, und was schon nicht mehr? Was verbindet Leben, die wir als gelebt wahrnehmen können und solche, bei denen uns das schwerfällt? Butler antwortet: die absolute Verletzlichkeit jedes Lebens. Unsere Autonomie, sie ist demnach nur eine scheinbare, sind wir doch grundlegend abhängig von unserer Ökologie und Ökonomie, unserem sozialen und kulturellen Umfeld.

 

Was auch immer "das Leben" sein mag, es hängt also zuerst und zuletzt von Bedingungen ab: Wir brauchen Eltern und Lehrer, brauchen Luft und Sonne, Raum und Ideen, Lust und Liebe. Und nur diese Bedingungen führen uns zusammen, bilden die komplexe Interaktion, die wir als Leben erfahren. Wenn man nun auf einem "Recht auf Leben" besteht, dann möchte Butler dieses aus einer solchen Gegenseitigkeit gedacht wissen. Durch die nicht zu kappende Verbindung zu unserer Umwelt, und dieser Begriff ist im Werk der Rhetorikprofessorin durchaus sehr weit gefasst, ergibt sich die Pflicht zur Sorge, wie die Möglichkeit der Trauer.

 

Unsere Abhängigkeit und Verletzlichkeit erst lassen uns ein "Wir" denken, das keinen Anderen ausschließen muss. Dem Ethikentwurf von Emmanuel Lévinas folgend heißt es da: "Mit dem Gefährdetsein ist das Ausgesetztsein sowohl gegenüber denen verbunden, die wir kennen, also auch gegenüber jenen, die uns unbekannt sind." Ob man dabei nun an die wechselvollen Beziehungen der USA zu Afghanistan denkt, an Fragen der Bioethik, Diskussionen über den Schutz von Embryos, die Ausgrenzung alternativer Lebensstile oder Fragen, die uns der Fortschritt der Gentechnik stellt - all das berührt uns, und es berührt uns gemeinsam. Dass diese Gemeinsamkeit aber nicht zu wechselseitiger Anerkennung führt, sondern zu ungleichen Machtverhältnissen, zu Ausbeutung und Ausgrenzung, das wird hier in oft bewundernswert radikaler Manier kritisiert.

 

Offene Fragen

Wie viele andere ihrer Veröffentlichungen ist auch "Raster des Krieges" mal theoretisierend bis zur Verquastheit, mal mitreißend, engagiert und anregend. Lange Passagen bleiben auch nach mehrmaligem Lesen unverständlich, oft wünscht man sich eine umfassende Kenntnis von Judith Butlers Schriften, um den Begriffen und Gedankenläufen auf den Fersen bleiben zu können. Dann folgen aber Absätze, die so klar und einladend geschrieben sind, dass man die Seite, auf der man sie gefunden hat, schnell markiert. Nur um am Ende einer strapaziösen Lektüre über die vielen eingeknickten Seiten zu staunen.

 

Ein anstrengedes Buch, das, da es weder durchgehend aktuell in seinen Bezügen noch zeitlos in seiner Darstellung ist, manchmal auch auf eine unproduktive Weise offen erscheint. Doch einige dieser offenen Enden bleiben einem erhalten, stiften an, fragen nach, geben vorläufigen Halt. Und das ist ja wiederum auch nicht wenig.

 

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