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Das Autorenteam stellt die Grundfragen der Neurophilosophie und beantworten sie wider den Reduktionismus der Hirnforschung. Von JOSEF BORDAT
Ist das Gehirn der Geist? lautet die Fragestellung einer Neuerscheinung zur Gehirn-Geist-Thematik (historisch: Leib-Seele-Problem), die sich wohltuend von vergleichbaren Schriften abhebt. Das vor allem dadurch, dass die Autoren, der Hirnforscher und Professor für Psychologie Felix Tretter und Christine Grünhut, Fachärztin für Psychiatrie, dem naturwissenschaftlichen Paradigma der Hauptströmung in der Bewusstseinsforschung der Gegenwart, der Neurobiologie, entgegenwirken und die Frage zurückverweisen an eine methodologisch vielschichtig orientierte „Neurophilosophie“. Mit diesem Ansatz werden sie im Rahmen der wissenschaftlichen Zugangsweise fast schon zu Außenseitern. Von Philosophen und Theologen ist man ja Widerspruch gewohnt, obgleich dieser oft nicht wirklich beachtet wird, fußen beide methodisch doch auf Metaphysik, Spekulation und Offenbarungswahrheit – Schimpfwörter im modernen Akademiebetrieb. Dass allerdings Forscherinnen und Forscher aus ganz handfesten Disziplinen wie der Psychologie und der Medizin Einspruch erheben, ist selten. Und deshalb umso erfreulicher.
Gegenstand ist der Mensch
Die Schrift von Tretter und Grünhut enthält sowohl lehrbuchartige historisch-systematische Einführungen in grundlegende Fragestellungen und analytische Erläuterungen wesentlicher Kernkonzepte sowie eine (unter Umständen entbehrliche) Einweisung in die Epistemologie bzw. Philosophie überhaupt, als auch eine dezidierte Kritik des empiristischen Forschungsparadigmas und des naturwissenschaftlichen Primats des Neuro-Zerrbildes eines vollständig physikalisierbaren Menschen nebst einer Reihe neuer Ideen aus den Arbeitsbereichen der Autoren. Hier sei insbesondere auf die Erträge der psychologischen Forschung verwiesen, die in Kapitel 4 dargestellt werden.
Die Besprechung der Probleme wird umrahmt von didaktisch (etwa graphisch oder in Form unterlegter Merksätze) aufbereiteten Basisinformationen, die auch den Laien behutsam an die Thematik heranzuführen vermögen. Das ist wichtig und wertvoll, denn zum einen ist die Materie neurowissenschaftlicher Forschung extrem komplex, zum anderen geht sie alle an, denn ihr Gegenstand ist der Mensch. Zu verstehen, was in der Forschung passiert, ist bedeutsam, denn höchstwahrscheinlich werden noch viele der jetzt lebenden Menschen mit konkreten neurobiologischen Entwicklungen in der Medizin persönlich konfrontiert werden. Ganz abgesehen davon, dass „letzte Fragen“ berührt werden, die jeden Menschen beschäftigen, so das Willensfreiheitsproblem, dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Mit den einfachen und (oberflächlich betrachtet) evidenten Aussagen der Hirnforschung werden diese „letzten Fragen“ scheinbar beantwortet. Dass deren Ergebnisse dazu (bewusst) überinterpretiert werden, zeigen die Autoren. Sie weisen zudem Forschungsdesiderate und methodologische Mängel der neurobiologischen Forschungsheuristik nach, z.B. die oft fehlende Problematisierung der methodischen Ansätze und die Vernachlässigung der Psychologie als eigenständigem Zugang zu Seele, Bewusstsein und Geist.
Nicht vorschnell auf den Leim
Tretter und Grünhut bündeln schließlich ihre fachlichen Ein- und Ausblicke zu einer inter- oder multi- (eigentlich: trans-) disziplinären „Neurophilosophie“, die sie als Gegenentwurf zur derzeit vorherrschenden Neurobiologie verstanden wissen wollen. Dieser Gegenentwurf ist als Korrektiv von kaum zu unterschätzender Bedeutung, denn nur die Philosophie ist in der Lage, eine etwaige reduktionistische Engführung zu identifizieren und zu kritisieren, um zu einer Analyse und Deutung naturwissenschaftlicher Hirnforschung, also im Wesentlichen der Neurobiologie, zu gelangen, die ein angemessenes Bild des Menschen zeigt. Dass sie dabei – ausgehend von ihrer Metaphysik – offen bleiben muss für Erträge anderer Disziplinen, die methodisch anders vorgehen, ist selbstverständlich, wird aber durch den Hinweis auf die Multidisziplinarität dieser neuen Philosophie noch einmal hervorgehoben. Dass dies hier keine opportunistische Floskel ist, es die Autoren damit stattdessen sehr ernst meinen, kann als gewiss gelten, denn der selbst vielseitig ausgebildete und im Grenzbereich von Medizin, Psychologie und Philosophie arbeitende Tretter ist u. a. auch Gründer der „Internationalen Gesellschaft für Interdisziplinäre Studien (IGIS)“. Die Autoren haben erkannt, dass auch die Philosophie neue Wege gehen muss, um mit ihrer Kritik weit genug auszugreifen.
Ist das Gehirn der Geist? ist ein feinsinniges Buch sehr kompetenter Autoren, das in der Sache einen Überblick verschafft und die intuitiven Zweifel am umfassenden Deutungsanspruch der Neurobiologie überzeugend und allgemeinverständlich zurückweist. Dass der Text neben einem Literaturverzeichnis über ein Stichwortregister verfügt, erleichtert die Lese-Arbeit, zumal nicht alle bei ihrer Lektüre jeden gedanklichen Schritt mitvollziehen müssen oder wollen. Leser mit Vorkenntnissen können durchaus in eines der abgeschlossenen Kapitel quereinsteigen oder sich gezielt Information zu bestimmten Schlagwörter.
So vereint die Schrift Aspekte von Lehrbuch, Nachschlagewerk und programmatischer Abhandlung. Es sei allen empfohlen, die den geistlosen Reduktionshypothesen der Hirnforscher nicht vorschnell auf den Leim gehen wollen. Und allen Anderen sowieso.
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