Nicht vorschnell auf den Leim
Tretter und Grünhut bündeln schließlich ihre fachlichen Ein- und Ausblicke zu einer inter- oder multi- (eigentlich: trans-) disziplinären „Neurophilosophie“, die sie als Gegenentwurf zur derzeit vorherrschenden Neurobiologie verstanden wissen wollen. Dieser Gegenentwurf ist als Korrektiv von kaum zu unterschätzender Bedeutung, denn nur die Philosophie ist in der Lage, eine etwaige reduktionistische Engführung zu identifizieren und zu kritisieren, um zu einer Analyse und Deutung naturwissenschaftlicher Hirnforschung, also im Wesentlichen der Neurobiologie, zu gelangen, die ein angemessenes Bild des Menschen zeigt. Dass sie dabei – ausgehend von ihrer Metaphysik – offen bleiben muss für Erträge anderer Disziplinen, die methodisch anders vorgehen, ist selbstverständlich, wird aber durch den Hinweis auf die Multidisziplinarität dieser neuen Philosophie noch einmal hervorgehoben. Dass dies hier keine opportunistische Floskel ist, es die Autoren damit stattdessen sehr ernst meinen, kann als gewiss gelten, denn der selbst vielseitig ausgebildete und im Grenzbereich von Medizin, Psychologie und Philosophie arbeitende Tretter ist u. a. auch Gründer der „Internationalen Gesellschaft für Interdisziplinäre Studien (IGIS)“. Die Autoren haben erkannt, dass auch die Philosophie neue Wege gehen muss, um mit ihrer Kritik weit genug auszugreifen.
Ist das Gehirn der Geist? ist ein feinsinniges Buch sehr kompetenter Autoren, das in der Sache einen Überblick verschafft und die intuitiven Zweifel am umfassenden Deutungsanspruch der Neurobiologie überzeugend und allgemeinverständlich zurückweist. Dass der Text neben einem Literaturverzeichnis über ein Stichwortregister verfügt, erleichtert die Lese-Arbeit, zumal nicht alle bei ihrer Lektüre jeden gedanklichen Schritt mitvollziehen müssen oder wollen. Leser mit Vorkenntnissen können durchaus in eines der abgeschlossenen Kapitel quereinsteigen oder sich gezielt Information zu bestimmten Schlagwörter.
So vereint die Schrift Aspekte von Lehrbuch, Nachschlagewerk und programmatischer Abhandlung. Es sei allen empfohlen, die den geistlosen Reduktionshypothesen der Hirnforscher nicht vorschnell auf den Leim gehen wollen. Und allen Anderen sowieso.