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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 08:52

Arnd Pollmann: Unmoral

09.09.2010

Ethik währt am längsten

Worin genau liegt das Verwerfliche an der Missachtung von Verkehrsschildern oder Menschenrechten? Kann ein Zeitarbeiter mit Recht behaupten, ausgebeutet zu werden? Wurde CHRISTIAN NEUBERT unter Androhung von Gewalt zu dieser Besprechung gezwungen? Und wenn ja, wie viele?

 

Moral sei eine Sache der Vernunft, heißt es an der einen Stelle. An anderer wird der Wert moralischer Werturteile überhaupt in Frage gestellt. Woanders wiederum ist davon die Rede, dass dem Gedanken an so etwas wie Moral zu Unrecht quasi gegenständliche Realität verliehen wird. Ob diese Ansichten nun jeweils aus Idealismus – und Philosophie ist immer Idealismus, war sich Schopenhauer sicher – vertreten werden oder nicht: es fällt nun mal wesentlich einfacher zu argumentieren, wenn man sich für eine Seite oder Sichtweise stark macht. Daher ist es in der Philosophie, wie eben auch in anderen Wissenschaften, ja folgendermaßen: Die einen sagen so, die anderen sagen so. Da soll mal noch jemand behaupten, die Philosophie würde am wirklichen Leben vorbei theoretisieren!

 

Auf Umwegen zum Ziel

Wer dem Wesen der Moral auf den Grund gehen will, der muss dies über den Umweg des Unwesens der Unmoral versuchen. Das ist doch schon mal ein schön formulierter Gedanke! Arnd Pollmann haben wir diese neugierig machende Formulierung zu verdanken. Pollmann lehrt Philosophie an der Universität Magdeburg Philosophie, wo er auch die „Arbeitsstelle Menschenrechte“ mitbegründet hat.

 

Ein unmoralisches Aufgebot

Pollmann will der Moral also auf ihre tugendhafte Schliche kommen, indem er das Pferd von hinten aufsattelt. Nach einer umfangreichen Einleitung, in der eine Unterscheidung zwischen guten, schlechten und bösen Taten und Absichten herausgearbeitet wird, stellt er seinen Lesern im Hauptteil des Buches 21 in alphabetischer Reihenfolge geordnete Beispiele für unmoralische Handlungen vor – darunter finden sich z.B. Ausbeutung, Beleidigung, Folter, Lüge, Unterlassung und Zwang.

 

Diese werden ihrem phänomenologischen Bestand nach auch recht gründlich erörtert. Anhand dieser im allgemeinen als verachtenswert betrachteten, aber nichtsdestotrotz alltäglichen Vergehen werden die Schattenseiten des menschlichen Lebens und Strebens beleuchtet. Pollmann will auf diese Weise verdeutlichen, dass das, was wir als Moral kennen und anerkennen sollen, nicht etwa ein ursprüngliches, naturgesetzliches Gut mit universaler Geltung beschreibt, sondern ein Konstrukt ist, das Taten, durch die menschliches Zusammenleben gefährdet werden könnte, nachgeordnet wurde.

 

Neu ist diese Vorgehensweise, die sich dem Thema von seiner Rückseite her nähert, indessen nicht: Ein Stück weit in diese Richtung hat z.B. bereits Nietzsche argumentiert, auch wenn dessen genealogischer Ansatz ein gänzlich verschiedener ist – und zu einem komplett anderen Ergebnis kommen will. Doch in einem Punkt sind Pollmann und Nietzsche sich einig: Strafe muss sein – auch, wenn sich Nietzsches Ansichten diesbezüglich überhaupt nicht mit dem decken, was Pollmann im Schlussteil der Unmoral über die Notwendigkeit von Sanktionen, die in ihrem Kern im Grunde ebenfalls als unmoralisch zu verurteilen wären, herausstellen möchte.

 

Zu allem fähig, da zu allem befähigt

Pollmann zeichnet in seiner Unmoral ein realistisches Menschenbild. Er schreibt dem gesunden Menschenverstand grundsätzlich ein auf Gerechtigkeit und Ordnung gerichtetes Streben zu, vernachlässigt aber auch nicht die Möglichkeit eines durch Krankheit getrübten Geistes. Auch die sogenannten niederen Motive, die uns alle immer wieder zu Handlungen verleiten, die gemeinhin und einzeln für sich als Abstraktum betrachtet als böse gelten, werden von ihm nicht übersehen.

 

Die Stärke des Buches liegt in der genauen Beschreibung der 21 exemplarisch unmoralischen Taten, die zusammengefasst seinen Hauptteil bilden. Diese an Beispiele geknüpfte Analysen bieten einen ebenso scharfsinnigen wie kurzweiligen Lesestoff, der zum Nachdenken anregt und den Leser sich immer wieder selbst ertappen lässt. Eine erschöpfende, systematische hergeleitete Theorie, die über den Umweg der Bestimmung der Unmoral das Wesen der Moral bestimmt, darf man allerdings nicht von der Unmoral erwarten. Einen guten Einstieg in moralphilosophische Debatten liefert das Buch aber allemal.


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