Im Cabinet des Dr. Caligari
Der medizinische Maßstab der Untersuchung der Nochmal 30 Filmcharaktere und ihrer psychischen Störungen ist die als ICD-10 bekannte internationale Klassifikation psychischer Störungen. Hierin sind die studierten Autoren der dreißig Kapitel Fachleute. In der Filmanalyse hingegen sind sie Laien. Die Auswahl der Filmfiguren ist streitbar. Den Unterhaltungswert mindert dies nicht. Die Kontroverse regt zum Diskurs an. In Sex & The City tragische Elemente zu sehen, scheine auf den ersten Blick absurd, schreiben Tatjana und Eva Tömmel. Doch der „von keinem Kanon getrübte Blick“ der Autorinnen findet in der Liebeskomödie „die psychodynamische Wirkung einer Tragödie“.
Einige der Regisseure dürften sich geschmeichelt fühlen, dass ihren Protagonisten die nötige psychologische Tiefe für eine „schwere depressive Episode“ (Carrie Bradshaw in Sex & The City) attestiert wird. Angelina Jolies Todeswunsch in Million Dollar Baby scheint wiederum eine überlegte Reaktion auf eine schwere Behinderung. Julia Roberts notorische Altarflucht als Braut, die sich nicht traut wirkt kaum pathologisch. Erst Recht nicht für die neurotischen Protagonisten von Mainstream-Komödien. Ein bisschen verrückt ist jeder. In der Filmwelt ein bisschen mehr.
In den Werken David Lynchs tummeln sich Verrückte. Nicht minder verstört und verstörend als der Hauptcharakter Jeffery in Blue Velvet sind die Sängerin Dorothy Vallens und ihr dämonischer Liebhaber Frank Booth. Oder wären in einer Welt, in der Wahnsinn die Norm ist, geistig Gesunde die psychisch Gestörten? Batman und andere himmlische Kreaturen eröffnet ein psychiatrisches Panoptikum bevölkert von zahllosen Fällen von Geistesstörung, die man nach der Lektüre in Filmfiguren interpretieren möchte. Joker und Two-Face in The Dark Knight, die kindliche Killerin Mathilda in Leon, der von Javier Bardem verkörperte Serienmörder in No Country for Old Men, die Persona beider Frauen in Ingmar Bergmanns Seelendrama. Die Auswahlkriterien der Essayisten erlauben dem Leser nebenbei den (amateur-)psychologischen Blick auf die Autoren.