Es ist schon komisch: Da arbeitet die Menschheit jahrtausendelang, um ein gutes Leben mit wenig Einsatz an Energie und Zeit möglich zu machen und wenn sie es im Zuge des wissenschaftlich-technischen Fortschritts endlich geschafft hat, ohne Plackerei einen soliden Wohlstand für alle bzw. die meisten zu generieren – also: jetzt – steht sie vor der Sinnfrage, weil sie nie etwas anderes im Blick hatte als zu arbeiten. Was medizinische Versorgung, Mobilität, Ernährung und Information angeht, hat heute jeder Hartz IV-Empfänger bessere Karten als Karl der Große. Wir haben es zu etwas gebracht, keine Frage. Doch vom Standpunkt des Lebenssinns aus betrachtet, hat der Mittelaltermensch, eingebunden in ein zwar enges, aber auch festes und damit stabilisierendes Sinnsystem, selbst dem Manager unserer Tage einiges voraus. Dieser arbeitet genauso lange wie jener (nämlich 12, 14 Stunden täglich), aber nicht, weil er müsste, sondern weil ihn das sinnentleerte Wirtschaftssystem um seiner selbst Willen dazu nötigt. Es bringt ihn damit ans Limit.
Wer sich diese Situation vor Augen führt, ist bereits mitten drin in einem grundsätzlichen Nachdenken über Begriffe wie Wirtschaft und Arbeit, Wachstumszwang und kreativer Freiheitsraum, Selbstverwirklichung und Sinnstiftung, Geld und Leben. Wer sich in diesem Diskursfeld mit Fachliteratur versorgt, wird irgendwann auf André Gorz stoßen. Der 1923 in Wien geborene Sozialphilosoph, der die meiste Zeit in Paris wirkte und sich 2007 gemeinsam mit seiner Frau das Leben nahm, hat die einschlägigen Debatten zur Restrukturierung von Wirtschaft und zur Reorganisation von Arbeit geprägt wie kaum ein anderer Denker des 20. Jahrhunderts. Lange wurden diese Diskussionen vor allem unter den linksintellektuellen Interessenvertretern der Arbeiterklasse in einem antikapitalistischen Duktus geführt. Heute werden einige von Gorz’ Ansätzen auch im bürgerlichen Lager wohlwollend aufgenommen und selbst in der Wirtschaft ernsthaft erwogen, etwa seine Ideen zur Arbeitszeitreduzierung (als Grundlage des »Job-Sharing«) und zu einem bedingungslosen Grundeinkommen (als Grundlage des »Bürgergelds«).