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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 04:22

André Gorz: Kritik der ökonomischen Vernunft

18.11.2010

Jenseits des Limits

Wir haben es zu etwas gebracht, keine Frage. Jeder Hartz IV-Empfänger hat heute bessere Karten als die Menschen im Mittelalter. Doch vom Standpunkt des Lebenssinns aus betrachtet, fehlt selbst dem Manager unserer Tage einiges. André Gorz Kritik der ökonomischen Vernunft ist Lesestoff für alle, meint JOSEF BORDAT.

 

Es ist schon komisch: Da arbeitet die Menschheit jahrtausendelang, um ein gutes Leben mit wenig Einsatz an Energie und Zeit möglich zu machen und wenn sie es im Zuge des wissenschaftlich-technischen Fortschritts endlich geschafft hat, ohne Plackerei einen soliden Wohlstand für alle bzw. die meisten zu generieren – also: jetzt – steht sie vor der Sinnfrage, weil sie nie etwas anderes im Blick hatte als zu arbeiten. Was medizinische Versorgung, Mobilität, Ernährung und Information angeht, hat heute jeder Hartz IV-Empfänger bessere Karten als Karl der Große. Wir haben es zu etwas gebracht, keine Frage. Doch vom Standpunkt des Lebenssinns aus betrachtet, hat der Mittelaltermensch, eingebunden in ein zwar enges, aber auch festes und damit stabilisierendes Sinnsystem, selbst dem Manager unserer Tage einiges voraus. Dieser arbeitet genauso lange wie jener (nämlich 12, 14 Stunden täglich), aber nicht, weil er müsste, sondern weil ihn das sinnentleerte Wirtschaftssystem um seiner selbst Willen dazu nötigt. Es bringt ihn damit ans Limit.

 

Wer sich diese Situation vor Augen führt, ist bereits mitten drin in einem grundsätzlichen Nachdenken über Begriffe wie Wirtschaft und Arbeit, Wachstumszwang und kreativer Freiheitsraum, Selbstverwirklichung und Sinnstiftung, Geld und Leben. Wer sich in diesem Diskursfeld mit Fachliteratur versorgt, wird irgendwann auf André Gorz stoßen. Der 1923 in Wien geborene Sozialphilosoph, der die meiste Zeit in Paris wirkte und sich 2007 gemeinsam mit seiner Frau das Leben nahm, hat die einschlägigen Debatten zur Restrukturierung von Wirtschaft und zur Reorganisation von Arbeit geprägt wie kaum ein anderer Denker des 20. Jahrhunderts. Lange wurden diese Diskussionen vor allem unter den linksintellektuellen Interessenvertretern der Arbeiterklasse in einem antikapitalistischen Duktus geführt. Heute werden einige von Gorz’ Ansätzen auch im bürgerlichen Lager wohlwollend aufgenommen und selbst in der Wirtschaft ernsthaft erwogen, etwa seine Ideen zur Arbeitszeitreduzierung (als Grundlage des »Job-Sharing«) und zu einem bedingungslosen Grundeinkommen (als Grundlage des »Bürgergelds«).

 

So »rot« sind die Ideen gar nicht

Gorzens Hauptwerk heißt Métamorphoses du travail. Quête du sens. Critique de la raison économique. Es erschien 1988. Bereits im Jahr darauf, dem Metamorphosenjahr schlechthin, lag es in deutscher Übersetzung vor, aufgelegt vom Rotbuch Verlag (Berlin). Nun ist es im Rotpunktverlag (Zürich) erneut erschienen – vom Übersetzer Otto Kallscheuer »überprüft und behutsam korrigiert«. Wie gesagt: So »rot« wie die Verlage sind die Ideen in Kritik der ökonomischen Vernunft. Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft gar nicht. Sie sind emanzipatorisch und kommunitaristisch, aber eben auch um Kreativität, Individualität, Freiheit und Autonomie besorgt. Am ehesten könnte man seine Thesen als »wertkonservativ« bezeichnen, da sie immer auch das Ganze betreffen und durch weit ausgreifende Antworten auf Fragen von Lebensstil, Kultur und Sinn die eher symptomatisch orientierten Ansätze der Linken (Vollbeschäftigung, ökonomische Teilhabe) in Richtung holistischer Lösungen transzendieren. Damit wird Gorzens Programm fast schon religiös – und wurde damals auch so rezipiert: Zielgruppe seines Buchs waren die Gewerkschaften, begeistert aufgenommen wurde es in Frankreich jedoch nur von den katholischen Tendenzsyndikaten.

 

André Gorz ist heute – in, nach oder vor der Krise, wie man’s nimmt – ein Autor für alle. Seine Thesen sind heute durchaus für eine Wiedervorlage geeignet, nicht nur auf den Schreibtischen der Linken, sondern gerade auch auf denen der Verantwortungs- und Entscheidungsträger. Die Neuauflage tut dazu einen guten Dienst.


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