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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 04:22

Ilija Trojanow: Der entfesselte Globus

03.12.2010

Die Erschlaffung der Welt

Tacitus über die Germanen, James Hilton über die Tibeter, Mark Twain über die Deutschen: Fair über die anderen schreiben ist ja praktisch unmöglich. Da hilft es, wenn man selbst gar keine nationale Identität hat, dann gibt es nämlich keinen anderen. So geht es Ilija Trojanow, das steht auf jedem seiner Buchrücken. In Bulgarien geboren, mit seinen Eltern nach Deutschland geflüchtet, dann nach Kenia übergesiedelt, Deutsche Schule Nairobi, Studium in München, lange wohnhaft in Mumbai. In Der entfesselte Globus, jetzt auch als Taschenbuch erhältlich, fand FELIX STEPHAN jedoch den »Sprachpatrioten« und andere Merkwürdigkeiten.

 

Ganz ohne Patriotismus kommt auch Trojanow nicht aus. In der letzten Erzählung seiner neuen Sammlung bezeichnet sich der Autor selbst als »Sprachpatriot«. Als ihm ein Inder erzählt, dass er Deutsch gelernt habe, weil er die Sprache liebe, »beglückte mich, den Sprachpatrioten, dieses Kompliment sehr.« Der Band versammelt insgesamt 27 Reportagen aus Bulgarien, Afrika, Indien und weiteren Regionen Asiens, die in den letzten zwei Jahrzehnten entstanden sind. Und sie sind schön geworden.

Schön ist es vor allem zu sehen, wie energisch und vergeblich die Texte einem Textreporter-Ideal hinterher jagen, das seine Personifizierung im polnischen Berichterstatter Ryszard Kapuscinski gefunden hat: Dieser Reportertypus ist kritisch, unkompromittierbar der Sache verpflichtet, wohnt in Hotels der dritten Kategorie, reist in Gegenden, die kein Journalist zuvor gesehen hat, zieht die Welt von unten auf und wird im Laufe seiner Karriere von der Enge der journalistischen Berichtsform in die Literatur gezwungen.

 

Kein Anschauungsmaterial für Journalistenschulen

Kapuscinski wandert nicht nur als Textgeist durch dieses Buch, er wird auch immer wieder zitiert oder taucht als Figur »R. K.« auf: »Irgendwann muß R. K. bewußt geworden sein – mit einer Klahrheit, die sich seinen zukünftigen Sätzen einschreiben wird – daß in solchen Zeiten gewaltiger Umbrüche der Nackte-Fakten-Journalismus eine Übersicht simuliert, die der Unordnung der vorbeirauschenden Ereignisse nicht gerecht wird.« Diesen Kampf führt Trojanow auch. Und Der entfesselte Globus ist Zeuge: Er hat ihn noch nicht gewonnen. Die meisten der Texte leiden an eben jener Krankheit, die der Autor austreiben will.

Vor allem den Mumbai-Reportagen sieht man an, dass sie zuvor in den einschlägigen großen Blättern veröffentlicht worden sind. Es sind strukturell exzellente Reportagen, doch der Textchef schreibt eben immer mit. Der Anspruch des Buches war es nicht, Anschauungsmaterial für Journalistenschulen zu produzieren, denn an besseren Stellen fallen immer wieder unjournalistische, romantisch-engagierte Bemerkungen wie diese: »Hohe Mauern sollen menschliche Not und ökologische Zerstörung draußen halten, aber keine soziale Ordnung kann langfristig im Konflikt mit den Interessen der großen Mehrheit bestehen bleiben.« So etwas muss nicht wahr sein, um einen Text zu schmücken.

 

Ein-Mann-NGO

Die Stelle illustriert ein weiteres Problem des Buches: Die behauptete und die tatsächliche Erzählhaltung sind nicht identisch. Trojanows Globus ist alles andere als entfesselt. Er ist nach altbekannten Kriterien geteilt in arm und reich, in ursprünglich und verwestlicht, in korrumpiert und aufrichtig. Diese Kategorien mögen ewig sein, aber Trojanows Umgang mit ihnen kommt mitunter linkisch daher. Diese verkniffenen Anführungszeichen zum Beispiel: »modern«, »schwarz«, »weiß«, sogar »demokratisch«. Das sind die Anführungszeichen der grünen Partei, die wie jeder andere Volksvertreter eine politische Kunstsprache erfinden muss, um die Ressentiments ihrer Klientel druckfähig zu machen. In dem Begriff »Demokratie« sind sämtliche Schatten des Konstrukts enthalten, auch ohne Anführungszeichen. »Schwarz« und »weiß« für Hautfarben sind politische Narrative, auch ohne Anführungszeichen.

Auf dieses Spiel sollte sich ein Romancier nicht einlassen, denn er hat in dem Moment verloren, in dem er eintritt. Bereits in Hemingways Schnee auf dem Kilimandscharo leuchtet mehr Problembewusstsein. Und es gibt mehr davon: Seitdem der Reporter weiß, dass sie unter unmenschlichen Bedingungen hergestellt werden, »schlüpfe ich in meine Schuhe mit einem Gefühl der Scham.« Jeden Morgen? Wer soll das aushalten? Wie kann man überhaupt noch einen Schritt tun? Sobald er eine globale Ungerechtigkeit wittert, verwandelt sich Trojanows Feder in einen Dolch. Der Reporter als Ein-Mann-NGO.

 

Für einen Moment Literatur

Die Frage hierbei ist nicht, ob Ilija Trojanow Recht hat, denn das ist kaum zu bestreiten. Natürlich hat er Recht, aber Recht haben ist einfach: Jeder hat Recht. Die Frage ist, ob man mit diesem literarischen Ansatz dem entfesselten Globus formal zu Leibe rücken kann. Die Frage steckt in eben jenen Anführungszeichen, die hier so mutlos verwendet werden. Was dem einen schwarz, das dem anderen weiß. Wären alle Präsidenten vor Obama, dem Sohn einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters, schwarz gewesen, wäre dieselbe Person jetzt der erste weiße Präsident. Und was dem einen demokratisch, das dem anderen westlich. Und so fort. Es gibt sie nicht mehr, diese Begriffe. Sie sind unverwendbar geworden. In der Politik siechen sie noch, denn sie bestätigen die Weltbilder.

Wer ehrlich über den entfesselten Globus schreiben will, muss sich jedoch mit ihrer Instabilität auseinandersetzen. Trojanow gelingt das ein, zwei Mal, am besten, als er eine Kreuzfahrt auf dem Indischen Ozean beschreibt, in der die Gäste ein Ballett vermissen und sich um die Sonnenliegen streiten. Diese Geschichte ist zugleich die feinste und die bissigste. Für einen Moment kein Diskurs, sondern Literatur.


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