Peter Widmer: Der Eigenname und seine Buchstaben
10.12.2010
Kastrierter Eigenname
Welche Bedeutung besitzt der Eigenname, wenn er sich nicht auf eine arbiträre Deixis reduzieren lässt? Welche ›Eigentlichkeit‹ bezeichnet er, wenn er nicht etwas, sondern jemanden nennen soll? Welche Individualität und Intimität verbürgt, wenn er – wiederholbar und allgemein – nur ein Name unter Namen ist? In Der Eigenname und seine Buchstaben unternimmt Peter Widmer den Versuch, ein besonders in der Psychoanalyse vernachlässigtes Phänomen neu zu bedenken. Er fragt verheißungsvoll: »Inwiefern ist der Eigenname als Agens, als Katalysator, als Vermittler an der Konstitution der Realität eines Subjekts beteiligt?« Der letzte Genitiv nennt dabei gleich beides: die subjektive Verfasstheit eines Individuums wie seine gesellschaftlich-kulturelle Lebenswelt. Von MARTIN ENDRES
Einen Überblick dieser Lebenswelt stellt Widmer mit seinen – im Untertitel des Buches so bezeichneten – anderen Überlegungen den psychoanalytischen voran und thematisiert im ersten Kapitel »Der Eigenname in Märchen, Wissenschaften und Belletristik« sowohl soziologische, linguistische, literarische, theologische und philosophische Aspekte des Eigennamens. Diese etwa siebzig Seiten umfassenden Vorzeichnungen bedeuten jedoch gleich das erste Problem des Bandes, da Widmers einschränkende Bemerkung, es handle sich dabei um tendenziell »kursorische Lektüren«, die darin geleisteten Ausführungen mit einem doch deutlich euphemistischen Sigel versieht.
Auch wenn man sich bewusst macht, dass eine eingehende Diskussion in einer solchen Untersuchung weder möglich noch erwartbar ist, so sind die Auswahl der Beispiele, ihre Aufeinanderfolge und Erläuterung doch sehr fragwürdig. Sie bleiben weit hinter dem vom Autor gesetzten Anspruch zurück. Die einzelnen Kapitel des ersten Teils stellen eher eine Sammlung fragmentarischer und kontextloser Ansätze dar denn eine systematische Sondierung des Terrains, das schließlich auch den Boden für die psychoanalytische Argumentation stellen könnte. Es genügt nicht, das Märchen von Rumpelstilzchen mit einer (vorsichtig ausgedrückt:) ›nicht alternativlosen‹ Deutung zu versehen, daran freihändige Antworten auf die Frage anzuschließen, warum wir unsere Eltern nicht beim Vornamen nennen - nur um schließlich über eine gleichermaßen verkürzte Interpretation des Hitchcock-Klassikers Der unsichtbare Dritte zu einem »merkwürdigen« und auch für Widmer unhaltbaren Ergebnis der Sozialpsychologie zu gelangen: auf weniger als einer Seite wird die am Anfang gestellte Frage thematisiert, wie denn nun der Eigenname auf die Konstitution des Subjekts und seiner Realität wirkt.
In gleicher Weise hastig, unkritisch und gänzlich selektiv gestalten sich Widmers Ausführungen zur Signatur sowie der Rolle des Eigennamens in der Theologie und der Linguistik. Es wird lediglich ein naiv-verzerrtes Bild einer an sich komplexen Diskussion innerhalb der verschiedenen Forschungsdisziplinen erzeugt, das mit wissenschaftlicher Realität nicht viel gemein hat. Wenn Widmer an anderer Stelle schreibt, dass die darauf folgende Argumentation »bloß erwähnt, aber nicht kommentiert« werde, mag dies für den gesamten Band verstanden eine noch milde Beurteilung des eigenen Tuns bedeuten. Am Ende bleibt für den ersten Teil daher nur, die Empfehlung Widmers umzukehren: Gerade diejenigen, die sich für nicht-psychoanalytische Überlegungen zum Eigennamen interessieren, sollten diese »Abschnitte ohne weiteres weglassen«.
Eigenname als sprachliche »Verbildlichung« des Spiegelbildes
Entsprechend groß sind die Erwartungen an den Hauptteil. Im ersten Kapitel sucht Widmer den Rahmen einer psychoanalytischen Theorie des Eigennamens abzustecken, der von Freuds Gedanken zum Eigennamen aus der Psychopathologie und der Traumdeutung seinen Anfang nehmend über Einzelstudien besonders aus der französischen Lacanschule hinweg schließlich auf die Stellung des Eigennamens bei Lacan selbst reicht. Der Wert von Widmers Darstellung in diesen Abschnitten ist vor allem darin zu sehen, dass er die besonders bei Freud doch sehr verstreuten Aussagen zum Eigennamen versammelt und die davon ausgehenden Rezeptionslinien miteinander ins Gespräch bringt. Zu bemängeln ist allein, dass dabei hauptsächlich die Positionen von Serge Leclaire, Philippe Julien und Françoise Dolto thematisiert werden, weiterführende Studien bzw. Reaktionen auf diese Überlegungen hingegen nur am Rande genannt werden.
Mit dem darauf folgenden Kapitel »Eigenname und Epistemologie« greift Widmer schließlich dezidiert die Ausgangs- und Leitfrage des Buches nach dem Verhältnis des Individuums zum Eigennamen wieder auf und verbindet sie mit seinen früheren Untersuchungen »Zur Bedeutung des Körperbildes für die Realität des Subjekts«. Über Lacans Theorie des Spiegelstadiums hinausgehend sieht Widmer die Konstitution des Subjekts eng mit einer Phantasmatik der Eltern verbunden, einer im Namen eingeschriebenen und durch ihn ausgedrückten Vorzeichnung: »In diesem Sinn ist [der] Eigenname Ausdruck des Unbewussten, Diskurs des Anderen, wie Lacan sagt, und doch Kern seiner Existenz, bewusst und doch – in seiner ganzen Tragweite – unbewusst.« Der Eigenname sei so als die sprachliche »Verbildlichung« des Spiegelbildes, letzteres gar als der »Ausdruck« des Namens zu verstehen, von Eigennamen »immer schon infiziert« und »kontaminiert«.
So weit reichend diese Überlegungen in ihrem Kern bzw. ihrer Anlage sind, so sehr überrascht es, dass Widmer bereits nach wenigen Seiten konziser und innovativer Argumentation wieder in eine Aneinanderreihung von Fallbeispielen zurückfällt, ohne diese auf den theoretischen Grundansatz rückzubinden. So sind die Fallbeispiele nicht Exemplifikationen und Explikationen eines systematisch gefassten und abstrahierten Gedankens, sondern vielmehr dessen ›shifter‹ und Substitut. Die Dimension und Funktion des Eigennamens als Schrift, in seiner Bedeutung als Initiale oder in verschiedenen Diskursformationen verliert sich ins Konkrete und Vereinzelte. Zwar gelingt es Widmer sich streckenweise – wie beispielsweise im Kapitel »Eigenname und Genießen« – aus der Reihung der Zeugen und Zeugnisse zu lösen und die eigene Position deutlich werden zu lassen. Dominierend bleibt jedoch, dass sich der (an vielen Stellen sicherlich gewaltsame, dabei jedoch stets innovative) spekulativ-abstrahierende Zug, den Lacans Deutungen und Ableitungen besitzen, bei Widmer ins Gegenteil verkehrt. So bilden die innovativen Fragen und Ansätze, die Widmer in den Vorbemerkungen der einzelnen Kapitel entwirft, größtenteils einen nur schemenhaft skizzierten, letztlich jedoch ungefüllten Horizont einer Theorie des Eigennamens. Allein im letzten Kapitel, in dem Widmer »Klinische Strukturen, Übertragung und die ethische Dimension des Eigennamens« thematisiert, gelingt es ihm, die dominante und oftmals zerfasernde Vielfalt des Konkreten in eine systematische Darstellung einzuholen und die über den gesamten Band exponierten Beispiele in allgemeineren Kontexten und Überlegungen fruchtbar zu machen.
So bleibt Widmer allein Stichwort- und Stellengeber, dessen Interpretationen die von Lacan programmatisch geforderte ›Rückkehr zu Freud‹ nun auch für Lacan selbst nahelegen. Wenn am Anfang des Buches davon die Rede ist, dass die Psychoanalyse und ihre Genealogie untrennbar mit dem Patronym ›Freud‹ konnotiert sind, so ist darin ein vielleicht weitaus stärkerer Imperativ der Relektüre ausgesprochen, als es der Autor intendierte: Freuds Fallbeispiele in der Traumdeutung oder in Totem und Tabu oder Lacans Ausführungen in L’identification oder Le Sinthome besitzen noch immer weit mehr Potenzial, als Widmer in seinen Ableitungen zu entwickeln vermag.


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