Achim Bühl: Islamfeindlichkeit in Deutschland
17.12.2010
Ein notwendiges Buch
Wilders - Sarrazin - Ates: berechtigte Islamkritik oder vorurteilsbeladene, wenn nicht gar rassistische Feindschaft gegenüber Muslimen? Viele Menschen werden sich das angesichts der jüngsten Veröffentlichungen und Politikeräußerungen mit ihrer grobschlächtigen Argumentation schon gefragt haben. Mit Islamfeindlichkeit in Deutschland versucht der Berliner Soziologieprofessor Achim Bühl eine Antwort. Von PETER BLASTENBREI
Der Autor stellt sich damit einem Problem, dem noch immer viel zu viele ausweichen. Bühl geht sein Thema von zwei Seiten an. Einerseits diskutiert er die verschiedenen Problemkomplexe wie die Sarrazin-Debatte, Feminismus versus Islam, den Streit um Kopftücher und Moscheebauten und den Rückfall der evangelischen Kirche in missionarische Argumentationsweisen (z.B. die Handreichung der EKD zum Umgang mit Muslimen 2006). Andererseits befasst er sich eingehend mit einigen der Akteure der permanenten Islamschelte wie Necla Kelek, Seyran Ates, Ralph Giordano, Hans-Peter Raddatz und der Aktion 3. Welt Saar - sorgfältig ausgewählte Beispiele für verschiedene Facetten des Diskurses.
Besonders wertvoll jedoch ist seine Beschäftigung mit den Islam-Stereotypen der Medien einschließlich des Internets. Während letzteres ja nicht nur gegenüber Muslimen ausgesprochen rassistische und menschenfeindliche Hass-Blogs bietet (z.B. Politically Incorrect), erscheint die muslimische Welt in Zeitung und Fernsehen allzu oft als Ort des Grauens, gewalttätiger Unruhen und der Angst. Ein Alltagsleben mit normalen Leiden und Freuden scheint es dort überhaupt nicht zu geben. Allen gemeinsam, anscheinend seriösen ›Islamkennern‹ wie selbsternannten Volkstribunen, ist etwas, dessen Nachweis den Kern von Bühls Buch bildet: die vollkommen undifferenzierte Sicht auf Islam und Muslime als einen seit 1400 Jahren unveränderten, monolithischen Block, der unabänderlich durch Gewalt, Unterdrückung, Expansion und Terror gekennzeichnet ist und dessen Abwehr durch Polizei und Militär dringend geboten erscheint.
Migranten aus dem Nahen Osten (die sich ja nicht einmal durchweg als Muslime definieren) sehen sich damit einem Generalverdacht ausgesetzt. Strukturell befinden sie sich in einer ähnlichen Lage wie Juden gegenüber dem klassischen Antisemitismus, denn was sie tun, was sie sagen und was sie unterlassen, wird gegen sie verwendet.
Islamkritik als Vorwand
Bühl gelingt also durchaus der Beweis für seine These, dass von einer ernsthaften, realitätsbezogenen Islamkritik (der ja auch das nötige Pendant Kirchenkritik fehlt) hierzulande nicht die Rede sein kann, wohl aber eine dumpfe, mit rassistischen Denkfiguren arbeitende Islamfeindschaft. Er untergliedert seine Ergebnisse in die acht Einzeldiskurse Rechtspopulismus (z.B. Sarrazin), bestimmte Spielarten des Elitefeminismus, technokratisch-kolonialistische Teilaspekte der Aufklärung als Heilmittel für die ganze Welt, muslimisches Renegatentum, Kulturalismus/ Biologismus, christlicher Fundamentalismus (etwa in Äußerungen von Altbischof Huber), echter Rechtsradikalismus und mediale Inszenierung des Islam. Und, möchte man hinzufügen, neuntens: die kolonialistische Gesamtstruktur des Redens über den Islam, denn man spricht ja eben gerade nicht mit Muslimen, sondern über sie.
Was diese unheilvolle konzertierte Aktion von deutschen Biertischen, verantwortungslosen Politikern und Skandaljournalisten bis jetzt schon angerichtet hat, lässt sich in dem eben herausgekommenen Band 8 der Reihe Deutsche Zustände vom Bielefelder Interdisziplinären Institut für Konflikt- und Gewaltforschung (Herausgeber Wilhelm Heitmeyer) nachlesen.
Historische Wurzeln
So lesenwert Bühls Buch ist, seinen Charakter als Schnellschuss kann es nicht ganz verleugnen. Vieles ist doppelt gesagt, manches hätte der Präzisierung bedurft. Schwerwiegender ist aber etwas anderes. Bühl widmet sich intensiv den historischen, in der Regel negativen Türken- und Muslimbildern seit dem Spätmittelalter, um seine These einer über 1000-jährigen Kontinuität der deutschen (europäischen?) Islamfeindschaft zu belegen. Fehlende historische Kompetenz macht aber gerade aus diesem Teil ein Sammelsurium fast beliebig zusammengelesener Wissensbrocken, wo Wahres, Falsches und Unbeweisbares bunt durcheinanderkugelt (etwa die Deutung bestimmter romanischer Kapitellfiguren als Muhammedkarikaturen). Aber sind vormoderne ›naive‹ Anti-Stereotype, noch dazu in einer Situation echter Bedrohung entstanden, mit den rassistischen Stereotypen der Moderne (nach Gobineau und den Weisen von Zion) überhaupt vergleichbar und sinnvoll auseinander ableitbar? Hat der christliche Rassismus eines Karl May (der sich ebenso gegen Asiaten und schwarze Amerikaner richtete) wirklich noch das Gewicht, das ihm Bühl beimisst?
Sinnvoller wäre gewesen, sich auf die massive Ideologieproduktion der jüngeren Vergangenheit zu beschränken. Etwa auf die Entwicklung des Abwehrbegriffs Gastarbeiter - Ausländer - Türke - Muslim auf der Basis des schwelenden Rassismus in Deutschland seit den später 1950er Jahren. Leider fehlt bei Bühl auch der außenpolitische Aspekt solcher neuer (revitalisierter?) Feindbilder völlig. Die Westintegration der offiziellen BRD machte nun einmal den ideologischen Schulterschluss mit alten Kolonialmächten und neuen Imperialisten unvermeidlich, vom Algerienkrieg über die Ölkrise 1973 und den Sturz des Schah 1979 bis zum Überfall auf den Irak. Und nicht zuletzt die nahtlose Übernahme israelischer Staatspropaganda (»einzige Demokratie im Nahen Osten«) - mochte sie noch so krude, kulturalistisch und offensichtlich zweckgerichtet sein.
Das hieß dann ebenso unvermeidlich Frontstellung gegen Reform und Revolution in der islamischen Welt und gegen einen sich verändernden Islam. Und es hieß vor allem eine zunehmend religiös verengte Sicht auf soziale, wirtschaftliche und politische Konflikte in dieser Region.



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