Hans Arthur Marsiske: Kriegsmaschinen Hommage zum 80. Geburtstag von Fernando Botero von Michael Ebmeyer Der FUTTERblog - streng verdaulich! Kathrin Hartmann: Wir müssen leider draußen bleiben Nis-Momme Stockmanns Heimkehrstück "Der Freund krank" in Frankfurt uraufgeführt
Mittwoch, 23. Mai 2012 | 04:27

Alexandra Klobouk: Istanbul, mit scharfe Soße?

14.01.2011

Scharfe Soße? Aber gerne!

Der Rezensent gibt zu, eine bestimmte Sorte von krampfhaft lustigen deutschen Büchern über unsere Nachbarn (Maria, ihm schmeckt’s nicht!) überhaupt nicht zu mögen. Und war dafür umso positiver überrascht, als er das charmante Büchlein Istanbul, mit scharfe Soße? der Berlinerin Alexandra Klobouk zur Hand nahm. Von PETER BLASTENBREI

 

Denn Klobouk hat etwas getan, was eigentlich selbstverständlich sein müsste, wenn man Zweifel an gängigen Botschaften und Diskursen bekommt: selbst zu sehen und selbst zu hören. In diesem Fall die Türken und die Türkei. Aufmerksam geworden durch eine ungewöhnliche Fernsehsendung über die Musikszene Istanbuls entschloß sie sich, ein Semester ihres Grafikstudiums dort zu verbringen, nicht ohne einen Türkisch-Sprachkurs allerdings. Es war Liebe auf den ersten Blick, deren Frucht, weil Klobouk eben Grafikerin ist, ein wundervolles Bilderbuch geworden ist. In dessen sympathische arbeitende, handelnde, Tee schlürfende, weinende und lachende Strichmännchen und -weibchen sich der Rezensent seinerseits verliebt hat. Sein absoluter Favorit: der nachdenkliche wie ironische Blick auf die ungezählten Möglichkeiten türkischer Frauen, sich halb oder ganz oder nur marginal islamisch zu verhüllen und dabei, außer dem Haar natürlich, erstaunlich viel zu zeigen. Das muss man sehen, um es nachher auf den Kreuzberger Straßen zu überprüfen.

 

Istanbul singt, hupt, brüllt

Alexandra Klobouk hat einen ausgesprochenen Blick für komische Situationen: Sitten und Gebräuche, Redensarten, Verständigungsschwierigkeiten, türkische Küche (bekanntlich die beste der Welt), wie man türkischen Kaffee braut (und was man in seinem Satz liest), Atatürk für jede Gelegenheit, die türkische Familie, der chaotische Verkehr und vieles andere mehr. Aber Istanbul ist kein Kuriositätenkabinett. Klobouks scharfer und zugleich liebevoller Blick zeigt den Alltag und auch seine weniger schönen Seiten: die Gefahr von (echten) Bombenanschlägen (von welcher Seite auch immer), die allgegenwärtige Polizei, die bittere Armut vieler Einwohner, die unergründlichen Tücken einer allmächtigen Bürokratie und die Not vieler junger Leute zwischen Elternhaus, Arbeitslosigkeit und Militärdienst.

 

Man weiß nicht, was man mehr bewundern möchte, die feinen, aber ebenso ironischen und hintergründigen Bilder oder den frechen und dennoch liebevollen Text (in Deutsch und Türkisch). Klobouk kann aber noch mehr. Als Grafikerin ist sie ein Augenmensch, aber sie bringt die Metropole auch zum Klingen. Ihr Istanbul singt, ruft seine Waren aus, redet durcheinander, hupt und brüllt und ist manchmal so laut, dass man sich die Ohren zuhalten möchte. Aber merke: wer lebt, muss sich bemerkbar machen. Einzige Irritation: das unangenehme »Türkendeutsch« des Titels.

 


Flattr this

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Dichter und Diplomat

»Ich erzähle von Dingen, die mich sehr stark geprägt haben. Zum Beispiel, der Spanische Bürgerkrieg aufgrund der vielen Republikaner, die in Mexiko Zuflucht suchten und die ...

Garten Eden vor der Haustüre

Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...

Maigrüße

Ich liebe den 1. Mai. Tag der Arbeit! Der Tag an dem wir den Vorkämpfern der Arbeiterbewegung gedenken. Der Tag, an dem wir demütig unsere Häupter neigen vor | weiterlesen

Augenblicke des »alten Europa«

Tony Judts literarischer Gang durch sein Chalet der Erinnerungen.

 

Von WOLFRAM SCHÜTTE

»Scheißwald,
Scheißnatur, ey!«

Leicht grenzwertig diesmal, möchte man meinen. Setzt das gewöhnliche Schema von Mord, Aufklärung, Festnahme etwa Schimmel an? Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) geht dem Hinweis auf ...

Maler der Farben und Formen

Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...

Toppreis für Ihr Zahngold

Mit Die Sorgen der Killer empfiehlt sich Guido Rohm einmal mehr als Avantegardist der deutschen Kriminalliteratur.

Von THOR KUNKEL

Verstaubt ohne Ende

Bullenklatschen ist ein irreführender Titel, aber er provoziert – das ließe sich genauso über den Film sagen. Provozierend das Personal: eine Anarcho-Fete. Jedenfalls ...

Kampf der Superlative

Wenn ausgerechnet Incal-Autor Alejandro Jodorowsky, der inzwischen auch »Heilung durch Kunst« betreibt, die Geschichte des mächtigsten Killers des Universums erzählt, ...