Gil Courtemanche: Ein Sonntag am Pool von Kigali
22.03.2004
Völkermord in Ruanda
Wer sich nicht nur intellektuell, sondern auch emotional mit dem Thema Völkermord in Ruanda auseinander setzen möchte, der hat nun Gelegenheit dazu: Gil Courtemanche, selbst ein erfahrener Journalist, erzählt von diesem schon fast vergessenen Kapitel menschlicher Grausamkeit, das unfassbar bleiben muss.
1994 ziehen bedrohliche Wolken über dem Pool eines Hotels in Kigali, der Hauptstadt Ruandas, auf. Denn während ein illustrer Kreis von Entwicklungshelfern, Botschaftsangehörigen, Geistlichen, Prostituierten, Politikern und Journalisten abends am Büfett reüssiert, brodelt es draußen bedenklich. Denn der Rassenkonflikt, angezettelt und gesteuert durch eine zutiefst korrupte und verbrecherische Regierung, droht zu eskalieren. Unter den Augen der Öffentlichkeit und der tatenlos zusehenden UNO entwickelt sich ein Völkermord, in dessen Verlauf 800.000 Menschen sterben.
Das Glück im Unglück
Bernard Valcourt, ein alternder kanadischer Journalist und Protagonist Courtemanches, erlebt diese furchtbaren Tage an der Seite von Gentilles. Beide bewegen sich langsam aufeinander zu und werden schließlich ein Liebespaar. Gentilles, die junge und schöne Kellnerin, ist eine junge Hutu, die jedoch alle körperlichen Merkmale einer Tutsi zeigt. Und schon an ihr wird der ganze rassistische Irrsinn deutlich, der das Land in den Abgrund stürzt. Denn Kawa, Gentilles’ Ururgroßvater, hatte einst in einem Buch eines Weißen gelesen, dass die schwarzen Hutu, vom Wuchs eher klein und kräftig mit einer breiten Nase, als rassisch minderwertig zu gelten hätten, während die Tutsi mit ihren schmaleren Nasen und der größeren schlanken Gestalt europäische Anteile hätten und damit wertvollere Menschen seien. Kawa hatte alles versucht, und es war ihm auch zu einem großen Teil gelungen, seine Kinder und Kindeskinder durch günstige Heiraten rassisch vermeintlich aufzuwerten – daher Gentilles’ schlankes, hellhäutiges Aussehen. Und so droht ihr nun, da die Mehrheit der Hutu die Macht ergreift, die Vergewaltigung, die Verstümmelung, der Tod. Denn die Zeiten haben sich geändert, die jahrzehntelange Dominanz der Tutsi ist gebrochen, die Hutu nehmen furchtbare Rache. Doch was tun die Menschen, die der Verfolgung ausgesetzt sind? Sie bleiben, sie lieben, sie haben Sex. Viele Einwohner von Kigali haben längst Aids, doch das stört sie nicht. Der unbändige Lebenswille der Menschen, der sich durch Courtemanches Erzählen immer wieder deutlich hervorhebt, setzt hinter jede Greuelszene, hinter jede Massenvergewaltigung ein Dennoch, ein Trotzdem und ein Jetzt-erst-recht der Figuren entgegen.
The New Journalism
Tom Wolfe, ein Vertreter des New Journalism, hat einmal geschrieben, dass der Roman ursprünglich die Funktion hatte zu zeigen, wie andere, fremde Menschen lebten. Diese Berichterstattung über die Menschen in Ruanda hat Gil Courtemanche vortrefflich geleistet. Schon für sein nicht fiktionales Werk über die Dritte Welt wurde Courtemanche ausgezeichnet. Hier liegt nun sein erster Versuch vor, seine persönlichen Erfahrungen literarisch zu bearbeiten, ohne moralisierend daherzukommen. Seine Botschaft ist einfach: das Leben geht für die Überlebenden weiter, aber Gerechtigkeit gibt es nicht. Und die Hoffnung stirbt zuletzt. Courtemanches Ein Sonntag am Pool von Kigali ist beileibe keine leichte Kost, vielmehr sind die gewaltsamen und grausamen Szenen manchmal kaum erträglich. Aber auch dies, so muss man einsehen, ist Teil dessen, was wir Realität nennen; ein Teil, der so schrecklich und so fremd ist, dass wir es kaum glauben können. Dennoch ist dies, wie Courtemanche versichert, keine Fiktion, sondern Bericht und Chronik. Das Buch ist aber auch ein Roman, ein Roman, der von Liebe und von Hoffnung erzählt, mag die Realität auch noch so schlimm sein. In einem Interview sagte Courtemanche, er habe dieses Buch durchweg betrunken geschrieben – zumindest den ersten Entwurf. Der Völkermord in Ruanda an sich bleibt abstrakt. Tote Zahlen bleiben gefühlsmäßig leer. Den Völkermord aber mit persönlichen Schicksalen verbunden zu haben, das verbindet und ist allein Courtemanches Verdienst.
Frank Kaufmann
Gil Courtemanche: Ein Sonntag am Pool von Kigali Aus dem Französischen von Riek Walther Kiepenheuer & Witsch 2004, 320 Seiten, ¤ 18,90, ISBN 3-462-03368-9
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