Mythen für den Nationalstaat
Die Auswahl von Kapiteln mit eher politisch-geschichtlichen sowie kulturellen Themen gestaltet Rill geschickt: Auf diese Weise gelingt es ihm zu zeigen, dass das Errichten eines Nationalstaates oder auch einer bestimmten Ideologie oftmals mit Mythenbildung einhergeht, um breite Bevölkerungsschichten zu gewinnen. Schließlich gehe es nicht an, »die Idee des Nationalstaats dadurch zu diskreditieren, dass sie in den Zirkeln einer Minderheit erdacht, formuliert und mit politischer Realität erfüllt worden ist«. Das deutlichste Beispiel, das Rill in diesem Zusammenhang anführt, ist das des Dichters Gabriele d’Annunzio, der Benito Mussolini und dem Faschismus intellektuelle Schützenhilfe leistete. Das erste Kapitel ist dem antiken Dichter Vergil gewidmet, der mit seiner Aeneis das Nationalepos des Römischen Reichs vorlegte. Nicht zuletzt deshalb bewertet ihn Rill als den Begründer einer italienischen Einheit, die in ihrer politischen Form in der Neuzeit besonders durch die Fremdherrschaft der Habsburger hinausgezögert wurde.
Die Stärke des Buchs liegt in der Belesenheit seines Autors. Diese versetzt ihn in die Lage, die kulturelle und politische Geschichte Italiens anhand zahlreicher Exempel und Episoden zu beschreiben. Mit Zitaten von Zeitgenossen der jeweiligen Epochen erreicht Rill eine erfreuliche Anschaulichkeit, der freilich Rills barocker Schreibstil entgegensteht: In komplizierten, teils abschnittslangen Schachtelsätzen sieht sich der geneigte Leser in seiner Verständnis- und Konzentrationsfähigkeit auf die Probe gestellt. Wer sich davon nicht beeindrucken lässt, wird freilich belohnt: Denn der gesamtgeschichtliche Ansatz, den Rill verfolgt, bietet die Chance zur Aufdeckung von Pfadabhängigkeiten der politischen Prozesse in Italien zwischen den verschiedenen Epochen.