»Frieden schaffen, ohne Waffen« – Pazifismus als radikale Ablehnung von Gewalt als Konfliktlösung ist hierzulande vor allem als Reaktion auf den Rüstungswettlauf während des »Kalten Krieges« ein Begriff. Als sich die militärische Lage in Europa entspannte, wurden neue Felder des Widerstands erschlossen: der sozio-ökonomische und ökologische Aspekt, gewissermaßen der »innere Frieden« und der Frieden des Menschen mit seiner Umwelt, rückten stärker in den Mittelpunkt. Immer mehr weiteten sich pazifistische Widerstandsformen zu einer Protesthaltung gegen politische Fehlentwicklungen aus.
Die großen »Kampfbegriffe« des Anti-Kriegs-Pazifismus – »soziale Verteidigung« als Ziel, »ziviler Ungehorsam« als Methode – eint ein Prinzip, das auch in den zeitgenössischen Modellen des Protests leitend ist: Gewaltfreiheit. Der Sammelband Gewaltfreie Aktion. Erfahrungen und Analysen, den der Friedensforscher Reiner Steinweg und Ulrike Laubenthal, Trainerin für gewaltfreie Aktion, gemeinsam herausgeben, betrachtet in den Beiträgen von 25 Autorinnen und Autoren das »Phänomen Gewaltfreiheit« systematisch anhand von grundlegenden philosophischen Ideen und soziologischen Theorien sowie in historischer Perspektive mit der Darstellung zahlreicher Fallbeispiele, die Geschichte mach(t)en.
Die einzelnen Texte sind nach Inhalt und Methode sehr unterschiedlich: Theoretische und analytische Arbeiten (u. a. zum Konzept der »Gütekraft«, das Hildegard Goss-Mayr einführte, um den als zu passiv erachteten Begriff der »Gewaltlosigkeit« bzw. »-freiheit« zu ersetzen) wechseln sich mit Erfahrungsberichten und praktischen Tipps für die Organisation und Durchführung konkreter Aktionen ab. Dazu zählen Anti-Castor-Proteste genauso wie Demonstrationen gegen den G8-Gipfel oder »Stuttgart 21«. Aber auch das vielleicht bedeutendste Beispiel erfolgreichen friedlichen Widerstands: die Leipziger Montagsdemonstrationen des Wendeherbsts 1989, über die der damalige Pfarrer der Nikolaikirche, Christian Führer, in einem Interview Auskunft gibt.