Bernward Gesang: Klimaethik
28.10.2011
Praktisches, allzu Praktisches
Bernward Gesang legt mit Klimaethik eine nur im Rahmen der utilitaristischen Prämissen stringente Moral- und Handlungstheorie für den Kampf gegen die Erderwärmung vor. JOSEF BORDAT ist von der Geltungskraft besagter Annahmen nicht überzeugt.
Bernward Gesang, Wirtschaftsethiker an der Universität Mannheim, hat sich an ein Großprojekt gemacht: eine konsistente, praktikable Klimaethik zu entwickeln, die zugleich allgemein verständlich und im Umfang überschaubar ist. In der Absicht ist das Projekt richtig und wichtig, in der Ausführung aber mit grundlegenden Mängeln behaftet, die seiner moraltheoretischen Orientierung geschuldet sind.
Zwischen Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaft
Die Entwicklung einer Klimaethik ist immer ein interdisziplinärer Grenzgang. Es gilt zunächst die naturwissenschaftlichen Gegebenheiten zu beachten, da ein Gegenstand (hier: der Klimawandel) überhaupt nur dann ein Fall für die Ethik ist, wenn Menschen mit ihrem Verhalten darauf einen Einfluss haben. Im vorliegenden Fall liefern die einschlägigen Studien hinreichend Daten, die nahelegen, dass dem so ist, wir also genauer von anthropogenem Klimawandel sprechen können. Dies wird vom Verfasser gut dargestellt.
Dann gilt es ein geeignetes Begründungsmodell für die »passende Moralität« zu wählen, um den Menschen (individuell, kooperativ und kollektiv) in Bezug auf den Gegenstand zu einem angemessenen Verhalten zu führen. Beim Klimawandel sei dies, so der Verfasser, der Utilitarismus. Dessen Schlüsselbegriff »Verantwortung« bringt er nachfolgend gegen das Konzept der »Gerechtigkeit« in Stellung.
Schließlich sollen die Bereiche des Lebens, die mit ihren Entscheidungen ebenfalls auf den Gegenstand einwirken, mit möglichst konkreten Vorschlägen zur Mitwirkung an der Problemlösung aufgerufen werden. Hier ist das die Politik und die Wirtschaft. Dazu entwickelt Gesang abschließend einen Maßnahmenkatalog, der etablierte und innovative Ideen verbindet, um zu einer Praxis der Verhaltens- und Anreizänderung zu gelangen, die nach Auffassung des Autors in Zeiten des Klimawandels unumgänglich ist.
Probleme der praktischen Folgenorientierung
Das Problem der moral- und handlungstheoretischen Pragmatik ist die Unklarheit des Eintretens von Handlungsfolgen und die Subjektivität ihrer Beurteilung. Der Verfasser geht hier sehr lax mit diesen Schwierigkeiten konsequentialistischer Ansätze in der Ethik um. Er fasst Begriffe wie »lebenswert« und »Glück« nicht nur so auf, als sei klar, was damit gemeint ist, sondern setzt diesbezüglich allgemeine Konformität voraus. Freilich braucht er für seinen Ansatz, nach dem gut ist, was glücklich macht und glücklich macht, was nützlich ist, eine möglichst klare Vorstellung von den Zielgrößen. Und die hat der Verfasser ohne Zweifel.
Doch was ist diese Projektion wert, wenn dabei nur scheinbar leicht operationalisierbare »Glückskalküle« herauskommen, deren Seriosität stark in Zweifel gezogen werden kann. Der Mensch ist mehr als ein Faktor in einer zu maximierenden Nutzengleichung, deren stark vereinfachte Terme real existierenden Sachverhalten kaum gerecht werden. Verführerisch klare Darstellungsweisen (»Nutzenwaage«) und das Angebot mathematischer Lösungsalgorithmen für komplizierte moralische Allokationsprobleme vermögen ökonomisch zu bestechen, ethisch verfehlen sie schlicht das Thema. Zudem ist das Spiel mit dem menschlichen Glück nicht ganz unbelastet: Die Nähe zu in der Theorie utopistischen und in der Praxis totalitären Glück von oben-Dogmata ist hier zwar sicherlich nicht intendiert, aber dennoch kaum zu übersehen. Also: Mit dem utilitaristischen Paradigma holt sich Gesang dessen altbekannte Schwierigkeiten in die Klimaethik und kann sie nur auf Kosten von Annahmen ausräumen, die man so machen kann, aber nicht so machen muss und – wie ich finde – auch nicht so machen darf.
Konkreter Vorschlag: Entwicklungshilfe zur Partnerschaft umgestalten
Interessant klingt hingegen ein ganz konkreter Vorschlag des Autors zur künftigen Gestaltung der Entwicklungshilfe: Statt überall dort zu helfen, wo es nötig scheint, sollte sich der Staat auf ein Land konzentrieren, mit dem es eine »Win-Win-Partnerschaft« eingeht. Eine solche Schwerpunktsetzung ist durchaus bedenkenswert, wenn man an die bestehenden Ineffizienzen des Gießkannenprinzips und die zu erwartenden langfristigen Folgen einer engeren, vertrauensvolleren Zusammenarbeit mit einem Partnerland nachdenkt. Kirchliche Hilfsorganisationen und private Einrichtungen haben mit dem Partnerschaftsprinzip jedenfalls gute Erfahrungen gemacht. Realistisch scheinen mir für die zwischenstaatliche Ebene allerdings nur abgeschwächte Formen des Modell zu sein, da ein »Notfonds« für Krisengebiete ebenso wichtig ist wie eine gewisse Diversität in der wirtschaftlichen Kooperation. Zu denken wäre also eher an eine Gruppe von Partnern aus jeweils unterschiedlichen Regionen.
Hauptproblem: Fragwürdige Annahmen
Trotz einiger innovativer Ideen kann die Arbeit nicht überzeugen. Denn an Bernward Gesangs Klimaethik wird nicht zuletzt eines deutlich: Die Tiefe und Standfestigkeit der ethischen Begründungsmodelle deontologischer Prägung, wie etwa von Kant vorgelegt, können konsequentialistische Ethiken nicht erreichen. Zuviel lässt sich in der Perspektive auf Nutzen und Glück beliebig anpassen und abwandeln. Flexibilität und Passgenauigkeit, Empiriebezug und Probabilistik gehen zu Lasten der philosophischen Überzeugungskraft. Ob man diese argumentative Schwäche aufgrund der Sachzwänge einer vom Klimawandel bedrohten Weltgesellschaft übergehen sollte, um zu praktisch leichter umsetzbaren, gleichwohl moral- und handlungstheoretisch oberflächlicheren Modellen zu gelangen, ist mehr als fraglich. Auch das vorliegende Buch kann darauf keine abschließende Antwort geben.

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