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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 11:01

Toms Schnellgericht

17.10.2011

Mars needs guitars!

Inspiriert von Triers Melancholia-Planeten-Crash-Studie und angesichts eingestellter NASA-Programme überlegte ich, um was es auf der Erde schade wäre bzw. was den Marsianern an irdischen Errungenschaften entgeht, weil wir die Kohle für Kriege und Bankenrettungen brauchen. Klar: Gitarren! Von TOM ASAM.

 

Scheinbar bin ich der Einzige, der zwischen den sehenswerten Untergangsszenarien am Anfang und Ende von Melancholia eher gelitten hat. Möglicherweise wäre mein Urteil besser ausgefallen, wenn mir aufgrund der ständigen Kameraschwenks nicht so kotzübel gewesen wäre. Also: Gitarren und Kotztüten für alle Bewohner von Melancholia und Mars.

 

Für den Anfang tuts ’ne Session mit Freunden im Wohnzimmer, um die am Folkpop geschulten Gitarrenkenntnisse an den Mann zu bringen. Seit Berlin sich aber zur Hauptstadt der Künstler gemausert hat, gibt es an einzelnen Straßenecken heute mehr nennenswerte Musikprojekte, als vor 20 Jahren im ganzen Stadtgebiet. So ist auch die Sofa Session des amerikanischen Wahlberliners Erik Penny samt Band mehr als ein Gag: Das Album ist ein gelungener Mitschnitt eines tollen Abends– quasi professionelles Demo for things to come und Liebesbeweis an Eriks Frau. Den Namen schon mal vormerken, weil: wer den Penny nicht ehrt…

 

So, Marsianer und Blauplaneten-Nachswuchsklampfer: Weiter geht’s mit melancholischem Singer/Songwriter-Stoff, der sich an den Großen orientiert – ohne zu enttäuschen. Nein, man muss kein Eddy Van Halen sein, um mit der Gitarre loszuziehen. Ausgerechnet ein belgisches Zigarettenbürscherl – The bony king of nowhere – zeigt uns, wo der Hammer hängt! Aus klassischen Singer/Songwriter Anleihen und einem untrüglichen Gespür für den großen Popsong erwächst ein wunderbares Album. Eleonare, schnapp dir diesen King! Zwischen Tim Buckley und Jeff Buckley; mit Melodien, die auch schon mal zwischen Coldplay und den Fleet Foxes hängen; allerdings immer bodenständig und erdig umgesetzt – ohne auf die nötige Portion Emotion zu verzichten. Der King dürfte bald nicht mehr so bony sein – und sein Reich einen Namen bekommen. Unbedingt empfehlenswert!

 

Jetzt machen wir aber doch etwas mehr Dampf am Sixstring! Manchmal muss die Klampfe schnell und laut sein, denn: Cymbals eat guitars (aber das wissen die wenigsten). Gleichnamige Band aus Staten Island unterstreicht mit Lenses Alien den Verdacht, dass unter den Retro-Aliens die 90er-Verehrer weiter an Gewicht gewinnen werden. Wenn das musikalisch gesehen insgesamt auch eher nicht gerade das größte Jahrzehnt unter der Sonne war, gibt’s natürlich auch da genug zu revitalisieren. Zunächst mal wird hier den großen Indie-Gitarrenbands der 90er, Pavement, Guided by voices et al gehuldigt, um dann noch weiter Richtung Grunge zu schielen und auch die Janes Addiction nicht zu vergessen. Ungezwungen und erfrischend, natürlich auch nix Neues. Aber: Die Gitarren stehen hier weit im Vordergrund. Ohne Angst vor Cymbals oder Aliens.

 

Nun ja, Planetarier aller Galaxien: etwas Grundlagenunterricht sollte in kompakter Form auch nicht fehlen. Elvis, Jonny Cash, logo. Aber auch AC/DC und Judas Priest. Haut euch auf die Schnelle alles einer um die Ohren: Ski-King (schon wieder ein King!), Vollblutmusiker und Elvis/Cash-Fan hat seine Heimat Portland, Oregon (die ja mittlerweile ein Musiker-Eldorado geworden ist), mit 17 Jahren hinter sich gelassen, um irgendwann in good old... ähhh Franken zu landen. Den Army-Job hat er wohl gegen eine eigene Bar und Tattoo-Studio Besuche sowie Live-Auftritte eingetauscht. Scheint mir ganz das zu sein, was der Ami einen Charakter nennt. My way! scheint er mit jeder Faser seines Körpers auszustrahlen (und ja: Sinatra wird auch gewürdigt!). Tolle Stimme, interessante Versionen diverser Klassiker. Muss ich mir unbedingt live anschauen.

 

Das ist jetzt natürlich nur noch durch ein wirkliches Original zu toppen. Am besten eines, das gleich noch größere Originale zitiert. Und wo sollten wir mit der Gitarre überhaupt anfangen? Beim Blues. Johnny Winter ist selbst längst eine Legende und Vorbild für so manche jüngere wie ältere Saiten-Gunner. Roots heißt das neue Album programmatisch. Ähnlich knapp und prägnant wie zuletzt 2004 I´m a bluesman. Und was für einer! Beim Blues muss man natürlich noch weniger als sonst wo das Rad neu erfinden. Also gibt es Coversongs von Robert Johnsons Dust my broom über Chuck Berrys erste Single Maybellene bis zu Jim Reeds Bright lights, Big City oder T-Bone Walkers T Bone Shuffle. Todsicherer Treffer für Traditionalisten.

 

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