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Toms Schnellgericht

20.10.2011

Archipel Électronique

Ausgehend vom Mutterland der elektronischen Musik, Deutschland, reicht das heute betrachtete Archipel ins benachbarte Frankreich – und von elektro-akustischen Abenteuern bis zum orchestralen Dreampop. Von TOM ASAM.

 

Bei elektronischer Musik aus Frankreich denkt man zuerst an den Millionenseller Jean Michel Jarre. Dass der im guten alten L´age d´analogue auch zahlreiche Nachahmer und Mitstreiter wie Heldon, Serge Ramses oder Jean Pierre Thanes hatte, ist eher schon wieder vergessen. Dafür nimmt man Frankreich heute vor allem deutlich wahr mit einer Vielzahl von gelungenen Veröffentlichungen an der Schnittstelle von elektronischer Musik und tanzbarem Pop.

 

Die Compilation Archipel Électronique Vol.1 allerdings stellt den Fokus auf einen deutlich anderen Bereich. Elektronische Musik – das ist ein nicht nur geografisch weitreichendes Archipel! Es handelt sich hier um die Werkschau des Labels D´autres cordes, das elektro-akustische Arbeiten und strangen elektronischen Noise der ›jüngeren‹ französischen Generation würdigt. Künstler wie Sébastien Roux, Jerome Montagne oder Kasper Toeplitz dürften wohl nur Spezialisten etwas sagen. Wenngleich das white noise Rauschen eines Toeplitz oder die Sample-Collagen eines erikm nicht jedermanns Sache sein werden: ein gelungener Appetizer, der neugierigen Hörern viele neue Namen liefert.

 

Das nächste Projekt besteht aus zwei Kraut-/Electronica-Größen, deren Namen hingegen alles andere als unbekannt sind. Hans-Joachim Roedelius wurde hier bereits zur Genüge vorgestellt. Gut, für alle, die die mit den Schultern zucken, drei Recherche-Stichpunkte: Cluster, Harmonia, Brian Eno. Der Düsseldorfer Stefan Schneider war Gründungsmitglied von Kreidler, ist Teil von To Rococo Rot und veröffentlicht unter dem Namen Mapstation – drei Projekte, die nun auch schon seit geraumer Zeit in immer wieder brillanter Weise auf den Spuren deutscher Pioniere wie Roedelius, Moebius, Rother oder Hutter wandeln und deren musikalischen Geist fortsetzen.

Roedelius Schneider ist bildlich gesprochen also fast ein Vater/Sohn-Projekt, obwohl solche Interessens- und Talentüberschneidungen im echten Leben wohl doch in den wenigsten Familien vorkommen. Bei Stunden braucht man nicht stundenlang, um zu merken, dass es eine logische Schnittmenge aus den Erfahrungen der beiden Protagonisten gibt. Roedelius verlegt sich weitreichend auf Klavierspiel, wie man es von seinen – momentan nach und nach auf Bureau B wieder erscheinenden Soloalben – kennt, gemeinsam lassen sie dazu einen Micro Korg oder einen ATC-1 wummern oder eine Zither dazwischenrufen. Die harmonische Grundstimmung wird durch Gerätebrummen und kleine akustische Widerhaken noch schöner. Wie wenn man am Meer ist, und das Tuckern der Dieselboote und ein in der Ferne heraufziehendes Gewitter die Stimmung erst abrunden.

 

Und Roedelius, der mit seinen 74 Jahren, scheinbar gar keinen Schlaf mehr benötigt, präsentiert uns mit Rufen in diesen Tagen auch noch den zweiten Teil der mit Rufen begonnenen Trilogie. Aufgrund der hier vorzufindenden Abkehr von üblichen rhythmischen und harmonischen Mustern hätte die Erwähnung von Stunden eigentlich zwischen Archipel und Roedelius Schneider gehört. Zusammen mit dem 1973 geborenen (ja, das könnte jetzt fast schon der Enkel sein) Onnen Bock agiert Roedelius hier unter dem Banner Qluster, der Fortführung der legendären Cluster bzw. Kluster. Die beiden verzichten völlig auf Computer und digitale Klangkreationen, sondern verlassen sich auf gute alte analoge Keyboards. Das tun ja heutzutage viele – das Klangbild, welches Qluster hier malen ist aber schon was ganz eigenes. Es ist außergewöhnlich, mit welcher Leichtigkeit Roedelius es schafft, weder alten Zeiten nachzuhecheln, noch zwanghaft beweisen zu wollen, dass sein Sound up to date ist. Wer schafft das in dieser Konsequenz noch? Hier wird eine eigene Klangsprache entwickelt, die zwischen den Zeiten, zwischen Erwartungen und Gewohnheiten liegt – ohne zu provozieren oder sich unnötig wichtig zu machen. Umso beeindruckender, wenn man beachtet, dass es sich bei Stunden um vier Live-Improvisationen handelt. Eine davon ist in Lunz aufgenommen – was auch der Name eines weiteren Roedelius-Projektes ist – aber das geht jetzt langsam zu weit.

 

Während Qluster Neuland betreten, nennt Pyrolator sein neues Album genauso! Neues Album sagt sich so leicht, Neuland ist das erste Zeichen als Solokünstler, dass Kurt Dahlke nach sage und schreibe 24 Jahren hinterlässt. Der Computer-Spezialist darf durchaus auch als lebende Legende der deutschen (elektronischen) Musik bezeichnet werden. Er ist Mitbegründer des Labels Ata Tak, ist auf der deuschsprachigen Kritiker-Konsens-Über-Platte Monarchie und Altag (Fehlfarben) vertreten und hat seit Mitte der 90er Jahre immer wieder als Produzent und Remixer (u.a. Kreidler!) gearbeitet. Letzteres ist vielleicht ebenso wenig bekannt wie seine Soloalben. Nach 24 Jahren Pause folgt die logische Fortführung seiner Land-Serie: nach Inland, Ausland, Wunderland und Traumland, jetzt: Neuland. Während Dahlke in den 80ern mit wilder, selbstentworfener Hardware, dem »Brontologik« – einer Art flexibel steckbarem Sequenzer – mühsam wie verschroben vor sich hinarbeitete, nutzt er nun eine selbst weiterentwickelte Software. Seine Art Loops zu produzieren und weiter zu bearbeiten, bleibt eigen. Die Musik, die er mit seiner zwischen Programmierung und Komposition zu verortenden Arbeitsweise schafft, klingt erstaunlich zeitgemäß. Neuland ist Tanzbodenland. Aktuell aber mit persönlicher Note und Traditionsbewusstsein zugleich.

 

Da legen wir gleich mit Slove nach und überschreiten damit auch wieder die Grenze nach Frankreich. Le Danse verbindet aktuelle elektronische Musik auf eklektische Art und Weise mit der Schönheit vergangener Indiepop-Strömungen. Shoegaze, Dreampop, House... Es ist heutzutage ja eher die Regel denn die Ausnahme, sich aus dem Fundus der populären Musik zu bedienen – nicht oft gelingt es so kurzweilig und lässig. Klar, auch das ist der archipel electronique: Tanz und Spaß. Wobei hier Teil des Spaßes ein ausgewiesenes Kennertum im Poparchipel ist. Hedonistisch und sophisticated gleichermaßen!

 

Nicht weniger eklektisch und sophisticated gehen der teils englisch, teils französisch singende Andres Garcia & The Ghost zur Sache. Anstelle des Indiepop kontrastieren die Geister ihre elektronischen Töne eher mit einer theatralisch-cinematographischen, retro-melancholichen Grundstimmung. Groovige Percussion, Harmonia, gefilterte Vocals und luftige Synthieflächen. Teilweise fühlt sich das an, als hätten Sade und Air eine Liebe zueinandergefunden. Tolle Produktion, unbedingter Tipp!

 

Irgendwo zwischen Slove und Andes Garcia bewegt sich Anthony Gonzales aka M83. Mit dem Unterschied, dass der mittlerweile in den USA wohnende Franzose sein Platten längst wie geschnitten Brot verkauft. Seine Electro-Fortführung klassischer Dreampop-Motive ist äußerst erfolgreich, mit Hurry Up, we´re dreaming will er jetzt wohl den Sprung in die richtig großen Hallen schaffen. Doch mit der Idee, gleich ein komplettes Doppelalbum rauszuhauen, hat er sich – wie fast alle vor ihm – etwas verhoben: Zuviel austauschbares Songmaterial findet sich unter den 22 Stücken, zu sehr flüchtet sich Gonzales in hochglanzproduzierten Bombast und Pathos. Manchmal weiß man nicht recht, ob das augenzwinkernd oder größenwahnsinnig ist. Hurry up läuft gut nebenher und reißt einen auch immer wieder mit, doch wird man das Gefühl nicht los, dass M83 mit einem fokussierterem, reduzierterem Album noch mehr hätte erreichen können. Zehn Hämmer wie Raconte-Moi une histoire wären mir lieber gewesen! Doch trotz Längen und übertriebenen kitschig-orchestralen Ausritten immer noch gut.

 

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