Naked Raven: Harms Way
13.02.2004
Down under
Vergessen Sie alles, was Sie über die Musik von "down under" zu wissen meinen. Was die Gruppe Naked Raven anbietet, ist einzigartig. Diesen Sound hat man so noch nicht vernommen.
Naked Raven ist in Melbourne beheimatet. Wenn unbedingt ein Vergleich gefordert wird, könnte man am ehesten an den englischen Folk Rock der späten sechziger Jahre und der siebziger Jahre denken, an Gruppen wie Steeleye Span, Pentangle oder Fairport Convention. Aber auch Einflüsse des Jazz und der Minimal Music sind nicht zu überhören.
Harm's Way, bereits im Jahr 2000 erschienen, ist die dritte CD von Naked Raven, nach Blame und Three Remaining Questions. Sie enthält zehn Titel und eine kurze Reprise. Und ein Song ist schöner als der andere. Violine und Cello geben den Aufnahmen einen kammermusikalischen Charakter. Denn die Besetzung - sie hat sich seit der Aufnahme der hier besprochenen CD personell, nicht aber in den Instrumenten verändert - ist ungewöhnlich. Erica Grundell singt und spielt Violine und Klavier. Kate Mazoudier singt auch und spielt das Cello. James Richmond bedient unzählige, zum Teil recht exotische Perkussionsinstrumente. Russ Pinney singt und spielt Gitarre und Klavier. Von ihm stammen die Songs. Zu diesem harten Kern gesellten sich Mal Stanley am Bass, an der elektrischen Gitarre und am Klavier und Jeremy Alsop an der Bassgitarre.
Gleich das erste Lied Skin schlägt einen in den Bann, von den ersten auf dem Cello gezupften Tönen und den knappen Antworten der Gitarre an. Man achte etwa darauf, wie ein paar wiederholte hohe Klaviertöne den Gesang unterbrechen. Das Prinzip von Naked Raven ist Ökonomie. Kein Ton zuviel, Intensität statt Lautstärke. Den Rhythmus markiert James Richmond eher durch pulsierende Ostinati als durch heftiges Dreinschlagen. Die Arrangements könnten intelligenter nicht sein. Zu den Höhepunkten der CD zählt Innocent Hour, ein mehrteiliges synkopiertes Stück mit folkloristisch-tänzerischem Charakter, das durch eine dichte Marimba-Introduktion sogleich aufhorchen lässt. Und immer wieder faszinieren die brüchig-zarten Stimmen der beiden Sängerinnen. Vielleicht fällt manchem älteren Semester Maddy Prior oder Jacqui McShee ein. Derlei ist heute nicht mehr in Mode. Es vertraut auf den Hörer, der Musik nicht als Dauerberieselung so nebenbei ablaufen lässt. Die Nackten Raben aus Australien sind in einer an origineller U-Musik armen Zeit eine echte Entdeckung.
Thomas Rothschild
Naked Raven: Harm's Way. T3 Records T3 002-2