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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 11:22

Ernie Watts Quartet: Oasis

10.11.2011

Von der Langlebigkeit des Jazz

Man nimmt es als gegeben hin, aber wenn man sich fragt, wie es möglich war, dass sich die Musik in den rund zwanzig Jahren, die zwischen Johann Sebastian Bach und den Anfängen der Wiener Klassik, in den weiteren rund dreißig Jahren, die zwischen diesen und Beethoven, in den wiederum zwanzig Jahren, die zwischen Beethoven und dem bereits stilistisch entwickelten Richard Wagner liegen, derart grundlegend verändern konnte, scheint das fast unerklärlich. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Kaum denkbar, dass um 1780 noch jemand wie Bach, dass um 1830 noch jemand wie Mozart komponiert hätte. Wenn man aber die Geschichte des Jazz verfolgt, wird einem das sinnlich vermittelt. Die Wandlungen, die dieser innerhalb von hundert Jahren, von New Orleans über den Swing, den Bebop und den Cool Jazz zum Free Jazz und zum Jazzrock durchlebt hat, sind nicht weniger radikal als die Revolutionen zwischen Vorklassik, Klassik, Romantik und Moderne. Inzwischen scheint der Jazz in seine museale Phase getreten zu sein. Eine entschiedene neue Entwicklung ist nicht auszumachen. Die verschiedenen Stilrichtungen seiner Geschichte existieren gleichberechtigt neben einander und beweisen stets aufs Neue, dass sie noch Lebenskraft besitzen, auch wenn sie, von geringeren Talenten (im doppelten Wortsinn) instrumentiert oft epigonalen Charakter annehmen. Eklektizismus ist schließlich nicht dasselbe wie Beliebigkeit.

 

Der 66-jährige Saxophonist Ernie Watts beherrscht fast alle Stilrichtungen. Er hat mit Größen des Swing wie Buddy Rich und Oliver Nelson ebenso musiziert wie mit genialen Erneuerern vom Format eines Thelonious Monk oder eines Miles Davis, aber auch mit Frank Zappa und mit den Rolling Stones. Zurzeit hat er mit den deutschen Musikern Christof Sänger am Klavier, Rudi Engel am Kontrabass und Heinrich Koebberling am Schlagzeug hervorragende Mitstreiter gefunden. Die CD mit dem schlichten Titel Oasis enthält zehn Titel mit einer Länge von weniger als fünf bis zu elf Minuten. Sie decken musikalisch eine große Bandbreite ab, sind aber stilistisch den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verpflichtet. Höhepunkte sind John Coltranes Crescent und Shaw Nuff von Dizzy Gillespie und Charlie Parker –  sowohl in Bezug auf das Saxophon von Ernie Watts wie auf das Zusammenspiel. Nichts an diesen Aufnahmen ist sensationell. Sie kommen mit einer Selbstverständlichkeit daher, als wäre es ein Kinderspiel, so zu improvisieren. Aber sie passen in die heutige Landschaft wie der Kirschbaum vorm Fenster, der dort schon vor 70 Jahren stand. Das gilt auch für die ungewöhnliche Version von Lennon/McCartneys rhythmisch wie in der Melodieführung genialer Komposition Blackbird. Dazu kommen weitere Titel aus dem Jazzrepertoire sowie Eigenkompositionen der Bandmitglieder.

 

Das Quartett geht von 18. November bis 10. Dezember auf Tournee, zunächst durch Polen und die Tschechoslowakei, ab 22. November dann durch Deutschland und die Schweiz. Man findet es eher abseits der Zentren. Es lohnt sich, Ausschau zu halten.

 

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