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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 11:38

Söllner: Mei Zuastand

01.12.2011

Der letzte Indianer

Nach dreißig Jahren als Songwriter und Musiker zieht Hans Söllner Zwischenbilanz. Mit Liedern, die es schon länger gibt, die von Katastrophen und Stürmen in ihm und unserer Welt erzählen. Das Zuhören lohnt sich unbedingt. Von TOM ASAM

 

Innerhalb weniger Tage haben zwei große österreichische Liedermacher diese Welt verlassen. Georg Kreisler und Ludwig Hirsch besangen beide auf ihre ganz eigene, nicht immer bequeme Art und Weise auch die dunklen Dinge. Die Originale werden weniger. Kurz vor der Grenze zu Österreich haben wir noch eines. Hans Söllner ist weit über die grenzen Bayerns hinaus als ein Mensch bekannt, der sein Maul aufreißt, sich mit Obrigkeiten anlegt und für eine liberalere und gerechtere Welt kämpft. Dabei hat er sich Freunde – und selbstverständlich auch Feinde geschaffen. Dazwischen mag es eine Gruppe geben, die ihn als Persönlichkeit akzeptiert, das musikalische Schaffen allerdings nicht so ernst nimmt oder aus den Augen verloren hat. In der Außenwahrnehmung bleibt da wohl teilweise der ›gspinnerte Uhu‹ aus den Sümpfen des Südostens der Republik, der mit einem Joint in der Bappn von Jamaica träumt. Mei Zuastand zeigt, dass das eine sehr verkürzte Darstellung wäre – und überzeugt sowohl textlich als auch musikalisch. Das Album ist souverän, lässig, weise und humorvoll – eine seltene Mischung.

 

Im Herbst des Lebens

Söllner hat seinen Biss nicht verloren, wirkt aber variantenreicher und zugleich kompakter denn ja. Woran natürlich seine Band Bayamann Sissdem ihren Anteil hat. Die Liebes-, Lebens- und Abschiedslieder entstammen verschiedenen Phasen und Zuständen der Vergangenheit, werden aber mit neuem Sound zu zeitlosen Momentaufnahmen. »Die Zustände bleiben immer dieselben, nur der Rhythmus ändert«, weiß Söllner. Mit entsprechender Lebenserfahrung stellt sich manche Idee oder Ideologie der Jugendzeit als naiv heraus, die Realität scheint oft hoffnungslos – all das spricht aus diesen Stücken; aber auch der Mut, seinen Weg – mit variierenden Rhythmen – weiter zu gehen. Ohne die Augen zuzumachen, mit einer gewissen Wurstigkeit und aller Liebe, die in uns steckt.

 

Der Tod spielt ungewohnt oft eine Rolle auf Mei Zuastand: »I glab, dass I erst frei bin, wenn I dod bin«, heißt es in Runda Disch, einem Song in dem Söllner davon singt, dass er gerne einmal für eine Stunde Probesterben würde um seinen Vater, Bob Marley und den Chef schon mal zu treffen und bei Gefallen auch dazubleiben. In Im Herbst (Kai) erläutert er mit großem Humor, warum er nicht im Sommer sterben will – kurz vor Weihnachten wäre hingegen genehm. Die Jamaika-Flagge weht kaum durch das Album, auch wenn schon mal mit Gott eine durchgezogen wird. Grea Göib Roud (Grün, gelb, Rot) sind auch die Blätter im Wandel vom Sommer in den Herbst. In gleichnamigem Song ertönen Banjo und Geige statt Steeldrums. Söllner ist wohl im Herbst seines Lebens, und das ist eine schöne Jahreszeit. Sein künstlerischer Zustand ist ein sehr guter.

 

 

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