Irgendwann landen sie alle bei Beethoven. Die Pioniere der Originalklangbewegung, die Meister der skrupulösen Partiturenlektüre begannen naturgemäß bei der Alten Musik, bei den bekannten und den wiederentdeckten Komponisten der Renaissance und des Barock. Doch als sie sich längst einen Namen gemacht hatten, als sie längst als zuverlässige Rekonstrukteure einer verschütteten, verfälschten oder vergessenen Vergangenheit galten, wollten sie sich am symphonischen Gesamtwerk des Klassikers der Klassiker beweisen, an den neun Symphonien Beethovens eben.
Die Hanover Band hatte die Symphonien unter der Leitung von Monica Huggett und Roy Goodman interpretiert. 1991 nahm Nikolaus Harnoncourt sie mit dem Chamber Orchestra of Europe auf, 1994 John Eliot Gardiner mit dem Orchestre Revolutionnaire & Romantique, und Roger Norrington hat sie bereits 1987 mit den London Classical Players eingespielt. Ihnen folgte Simon Rattle kürzlich mit den Wiener Philharmonikern, doch Norrington nahm einen zweiten Anlauf und legte ein neues, live aufgenommenes CD-Paket mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart vor, das er seit einigen Jahren leitet und dessen Streichern er, wie man sich nun überzeugen kann: mit Erfolg, das Vibrato ausgetrieben hat.
Am sinnfälligsten wird der Unterschied zu den vorausgegangenen Aufnahmen wohl beim zweiten Satz, dem Alegretto der siebten Sinfonie. Norrington dirigiert ihn bedeutend schneller als üblich. Aus dem in zahlreichen Filmen und Fernsehspielen ge- und missbrauchten Trauermarsch wird ein federleichter anmutiger Tanz. Das ist gewöhnungsbedürftig. Norrington beruft sich auf genaues Partiturenstudium. Freilich ist Texttreue kein unumstrittenes Argument. Schönheit kann sogar gegen Beethoven und seine ohnedies viel diskutierten Tempoangaben Recht haben. Eine Verfälschung kann dem Echten überlegen sein. Jedenfalls ist Norringtons Interpretation, wenn nicht für jeden überzeugend, zumindest interessant und aufschlussreich.
Dem gelegentlich zum Schlager verkommenen vierten Satz der neunten Symphonie nimmt Norrington alles Pompöse. Fast filigran erklingt er in seiner Transparenz und durch die Differenzierung der einzelnen Instrumentalstimmen. Und die Gächinger Kantorei bindet die Chorpartien zurück zu Bach, dem ihre besondere Liebe gehört. So barock war Beethoven noch nie zu hören.
Die Aufnahmen entstanden bei einer Serie von fünf Konzerten während des Europäischen Musikfests 2002 in Stuttgart. Norrington leitete diese Konzerte durch erhellende Ausführungen zu einzelnen Aspekten von Beethovens Symphonien ein. So interessant die Kommentare von Peter Schleuning in den Beiheften der CD-Edition sind, so bedauerlich erscheint es, dass man auf die geistreichen, von typisch englischem didaktischem Eifer getragenen Überlegungen Norringtons verzichtet hat.
Thomas Rothschild
Ludwig van Beethoven:
Sinfonien Nr 1-9.
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Roger Norrington.
hänssler CLASSIC CD 93.084-93.088