Seit dem Debüt der Band um Mastermind Kiddy Citny sind nicht nur über 20 Jahre vergangen, der damals von ihnen entschieden mitgeprägt Sound erlebte auch seine Salonfähigkeit. Im Jahre 2012 jedenfalls hat die Mischung aus unterkühltem New Wave, dezenten Industrial-Versatzstücken und dadaistischen Lyrics nach Cut-Up-Prinzip schon ausgedient. Nicht, weil die Avantgarde sich mittlerweile hippere Ausdrucksmöglichkeiten erarbeitet hätte, sondern weil aus der musikalischen Revolution von einst schon allgemein akzeptiertes Kulturgut geworden ist. Ein Einstürzende Neubauten-Backpatch stellt kein subversives Statement mehr dar, er liest sich höchstens noch als Geschmacksbekenntnis.
Wenn Sprung aus den Wolken auf Lust Last Liebe also die herkömmlichen Provokationsmittel bedienen, setzen sie sich in ein gemachtes Nest. »Essen, trinken, schlafen, Hafen. / Das Wissen ist wie ein Baum / um ihn steht ein Zaun« – ein müdes Echo von poetischen und philosophischen Diskursen, denen man Anfang der Achtziger das letzte Mal noch als Schlag ins Gesicht der bildungsbürgerlichen Spießigkeit ihre Kraft hätte zusprechen können. Heute wirkt das ziemlich fade. Musikalisch verhält sich das ähnlich: Das affektierte Gestöhne, die obligaten Störgeräusche, die Vocodereffekte auf Citnys Stimme, sie alle wirken müde, kraftlos, kommen ohne Pointe daher. Und vor allem können sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie nur Beiwerk zu schmeichelhafter Pop-Musik darstellen, ornamentale Versprechen von Avantgarde, die schon längst zur Arrièregarde zurückgerutscht ist.
Songs wie Öffne die Tür gefallen, sie klingen gut. Als melancholischer Wave Pop, denn zieht man die Sperenzchen ab, dann ist Lust Last Liebe nur das: Ein hier und da nettes, vielleicht mittelmäßiges Stück konventioneller Musik, bar jedes Potenzials, noch irgendwen zu verstören. Allerhöchstens befriedigt dieses Comeback ein paar nostalgische Bedürfnisse – deshalb hört es sich ja so vorgestrig an.