Es gibt unzählige Coverversionen von Bob Dylans wunderbarem
Lay Lady Lay. Aber ich kenne keine apartere, keine originellere als jene, die Cassandra Wilson auf ihrer neuen CD präsentiert. Der bei Dylan selbst so süffige Song ist kaum wiederzuerkennen, und doch ist er die Grundlage dieser Fünfminutenaufnahme, die vor innerer Spannung nur so knistert.
Cassandra Wilson, wohl eine der profiliertesten unter den gegenwärtigen Jazzsängerinnen zwischen Tradition und Experiment, singt diesmal neben sechs eigenen, zum Teil mit ihrem Gitarristen und Produzenten Fabrizio Sotti verfassten Titeln unter anderem Fragile von Sting, Crazy von Willie Nelson, Honey Bee von Muddy Waters und einen Song ihrer großen Kollegin Abbey Lincoln.
Cassandra Wilson ist eine disziplinierte Sängerin, die eher auf Kunsthaftigkeit als auf Expressivität setzt. Aber sie ist gegenüber ihren Anfängen lockerer geworden, unbefangener. Sie scheint sich ihrer Stimme zu überlassen, statt sie in jedem Augenblick zu beherrschen. Dennoch: jedes einzelne Stück der CD ist bis ins Detail gestaltet, genau überlegt, sparsam und hoch intelligent arrangiert. Was manchen Jazzfans an Spontaneität fehlen mag, wird durch Raffinement wettgemacht. Cassandra Wilson produziert Kammermusik, die sich nicht nur am Jazz, sondern überhaupt an der Vokalkunst messen lassen darf. Die neue CD liefert dafür einen weiteren Beitrag.
Thomas Rothschild
Cassandra Wilson: Glamoured. Blue Note 7243 5 90951 2 7