Daniele Sepe: Anime Candide
13.02.2004
Krieg und Liebe
Italien hat seit Jahrzehnten immer wieder interessante Musikgruppen hervorgebracht, die mit der Aufbereitung traditionellen Materials durch zeitgenössische Instrumente und Arrangements experimentieren und damit oft zugleich eine politische Botschaft verbinden. „Experimentieren“ ist hier wörtlich zu verstehen. Denn diese Gruppen zeichnen sich durch die große Spannbreite ihrer Produkte aus. Auf ihren Schallplatten hat fast jeder Titel einen eigenen Charakter, jedes Stück scheint eine neue Möglichkeit ausprobieren, einen neuen Weg beschreiten zu wollen. Freilich darf man diesen Abwechslungsreichtum nicht mit Beliebigkeit verwechseln, auch nicht mit modischem Angebot, das ein Maximum an Käufern finden soll. Er schöpft vielmehr die diversen Mittel aus, die Musik und Dichtung anbieten, um sie den Zwecken der unterhaltsamen Agitation unterzuordnen.
Das gilt auch für das Ensemble um den Neapolitaner Daniele Sepe und seine CD Anime Candide. Man höre etwa hintereinander das komplexe Titelstück, das mit seinem US-kritischen Text in sich aus heterogenen Teilen montiert ist, und das folkloristische, abwechselnd von Frauen und Männern gesungene Ce me pe ti zog?, in das Sepe einen serbischen Tanz integriert hat. Oder man höre sich an, was Daniele Sepe aus Stravinskys Feuervogel macht. Hier wird erfahrbar, wie sich Hollywood in seinen Filmen bei der Romantik und Spätromantik bedient. Gleich darauf erfolgt eine Hommage an den chilenischen und den portugiesischen antifaschistischen Widerstand. Daneben gibt es bezaubernd lyrische Töne, etwa in Menina estas a janela aus Portugal oder in Amuri aus Italien.
Das Cover zieren zwei Menschen, die sich, von Gasmasken verhüllt, küssen. Die CD trägt den Untertitel War And Love Songs. So aktuell und zugleich künstlerisch anspruchsvoll kann U-Musik sein.
Thomas Rothschild
Daniele Sepe: Anime Candide. Dunya fy 8066