John Abercrombie: Class Trip
29.04.2004
Jazzsaiten
Diese Art von Jazz, wie sie das Abercrombie Quartett zelebriert, weist nach innen, ins Intime, wo Kommunikation fast zum kollektiven Selbstgespräch wird.
Die CD ist unter dem Namen John Abercrombie erschienen, und der ist, wie man weiß, seit vielen Jahren einer der eigenwilligen Gitarristen im ECM-Programm. Aber die eigentliche Sensation des Quartetts ist die Violine von Mark Feldman. Nichts da mit Teufelsgeiger. Da wird nicht laut und virtuos drauflosgestrichen. Feldman, der von seinen Erfahrungen mit sehr unterschiedlichen Formationen profitiert, spielt sein Instrument an der Schnittstelle zwischen Jazz und „Klassik“, leise, einfühlsam, nachdenklich und dennoch swingend. Er will offenbar zugleich Grapelli und Menuhin sein. Das funktioniert freilich nur in solch einer Umgebung, zu der außer Abercrombie der Bassist Marc Johnson und der Schlagzeuger Joey Baron gehört. Wie so oft bei einer Produktion Manfred Eichers, der selbst von „improvisierter Musik“ oder eben, wie die Abkürzung ECM signalisiert, von „zeitgenössischer Musik“ spricht, möchte man am liebsten die Kategorie „Kammermusik“ wählen, dächte man dabei nicht in erster Linie an Haydn oder Bartók. Denn Jazz ist das allemal.
Gar so abwegig ist freilich auch die Assoziation Bartók nicht. Tatsächlich enthält die CD eine kleine Komposition dieses großen Erneuerers des 20. Jahrhunderts, den Soldier’s Song aus den Violinduos, auf den sich das Quartett ungeniert und ohne falsche Ehrfurcht einlässt. Die übrigen Stücke hat John Abercrombie geschrieben, zwei sind Kollektivschöpfungen des Quartetts. Die Stimmen der Instrumente scheinen sich aus dem Nichts einander zu nähern, um dann gemeinsam auf „Klassenfahrt“ – so der Titel der CD – zu gehen. Der Reiz der Musik liegt in der Spannung zwischen Kongruenz und Widerspruch, zwischen Einheit und Vielfalt. Nichts an ihr ist nur „Begleitung“. Liedhafte Passagen treffen auf fragile Pointillismen. Da ist auch Platz für einen Walzer, der bezeichnend Cat Walk heißt. Und auch Reminiszenzen an einen bereits historisch gewordenen Jazz – etwa in Swirls an Miles Davis – begegnen in dieser Musik einer Zeitgenossenschaft, die aktueller nicht sein könnte. Wer käme da auf die Idee, improvisierte Musik habe keine Zukunft?
Jeder Musikgattung lässt sich auch ein Gestus zuordnen. Zur „Klassik“ gehört eine immer verlogener erscheinende Feierlichkeit. Zum Folk gehört eine burschikose Freundlichkeit. Zum Rock gehört die grelle Show, die übertriebene Selbstdarstellung. Diese Art von Jazz, wie sie das Abercrombie Quartett zelebriert, weist nach innen, ins Intime, wo Kommunikation fast zum kollektiven Selbstgespräch wird. Wir lauschen ihm mit Faszination.
Thomas Rothschild
John Abercrombie: Class Trip. ECM 1846