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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 12:33

 

Charles Lloyd/Billy Higgins: Which Way Is East

06.05.2004

 

Reisen

Zwei alte Herren, der eine von ihnen mittlerweile tot, demonstrieren, was junge Musik ist: Einfallsreichtum, Energie, Rebellion gegen das Etablierte.

 

Charles Lloyd braucht Freiheit. Seine neue Doppel-CD bietet sie ihm an, und er nützt sie. Im Zusammenspiel mit dem Schlagzeuger und Perkussionisten Billy Higgins, der hier auch auf der Gitarre glänzt und singt und der vier Monate nach den Aufnahmen im Januar 2001 gestorben ist, und manchmal auch solo beschränkt sich der große Saxophonist nicht auf das Instrument, auf dem er heute zu den wichtigsten Neuerern gehört, sondern er bläst auch Flöten, die Tibetanische Oboe und das Taragato, setzt sich ans Klavier, bedient sich verschiedener Perkussionsinstrumente und Rasseln und seiner Stimme.

Der Vielzahl an Instrumenten und Klangmöglichkeiten, die diese liefern, entspricht die Unterschiedlichkeit der Stilrichtungen in den einzelnen Stücken. Lloyd erforscht mit dieser ungewöhnlichen Folge von acht Stücken, die jeweils aus drei bis fünf Sätzen bestehen, diverse Ursprünge des Jazz, seine afrikanischen und amerikanischen Wurzeln, zu denen noch, durch Higgins, arabische Inspirationen und Bossa Nova kommen. Er denkt und fühlt sich hinein in die Geschichte seiner Musik über den Bebop – siehe etwa Windy Mountain – bis hin zum Free Jazz. Man höre sich nur hintereinander das folkloristisch repetitive Tagi, den überbordenden Hanuman’s Dance, dann das nachdenkliche Klaviersolo Sky Valley und gleich darauf Higgins solo mit einem veritablen Blues an: vier Welten, und doch dieselben Musiker. Lloyd geht auf eine musikalische Expedition, deren Weg er freilich mit seinen eigenen und mit Higgins’ Kompositionen erst erschafft – wenn man denn bei diesen Einfällen für meist freie Improvisationen von Kompositionen sprechen will.

Einmal mehr wird die Absurdität des aktuellen Jugendkults bewiesen. Zwei alte Herren, der eine von ihnen mittlerweile tot, demonstrieren, was junge Musik ist. Das sollen ihnen die Sternchen von heute erst mal nachmachen. Wir reden nicht von der Erfahrung und der technischen Perfektion. Wir reden vom Einfallsreichtum, von der Energie, von der Rebellion gegen das Etablierte. Das könnte Mut machen. Würde es nur, über den Kreis der Liebhaber hinaus, wahrgenommen. In einem Dialog zwischen Lloyd und Higgins, der im Beiheft abgedruckt ist, spricht Lloyd von „slow down to a level where there was timelessness in the relative“, „auf eine Ebene hin verlangsamen, wo Zeitlosigkeit im Relativen herrscht“. Und Higgins sagt, in Vorahnung seines Todes: „Du sprichst über das Ende der Reise – die Reise beginnt gerade erst.“ That’s what it’s all about.

Ganz am Schluss verabschiedet sich Billy Higgins mit einem federleichten Walzer. Die Reise geht weiter.

Thomas Rothschild

Charles Lloyd/Billy Higgins: Which Way Is East. ECM 1878/79

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