Enrico Rava: Easy Living
27.05.2004
Leichtes Leben
Easy Listening Music ist das nicht, wohl aber Musik für „Easy Living“.
Es muss nicht Wynton Marsalis sein. Enrico Rava steht ihm, was den glasklaren Klang seiner Trompete angeht, in nichts nach. Was seine CD mit dem treffenden Titel Easy Living jedoch zum vollendeten Genuss nacht, ist das vorzügliche Ensemble und das ebenso vorzügliche Material, das ihm Rava, außer dem Titelstück, das als einziges auf der CD nicht von Rava geschrieben wurde, komponiert hat. An der Posaune glänzt Gianluca Petrella, am Klavier überschlägt sich Stefano Bollani, die kongeniale Rhythmusgruppe bilden Rosario Bonaccorso am Kontrabass und Roberto Gatto am Schlagzeug. Eigentlich ist Rhythmusgruppe eine unfaire Verniedlichung, denn in dieser Combo sind alle Musiker Solisten, die freilich zusammenspielen, als wären sie eine Einheit. Lyrische Stücke wechseln ab mit vitalen Ausbrüchen, darunter einem waschechten Boogie – Algir Dalbughi.
Rava singt mit seiner Trompete, eingebettet in die Stimmen seiner Partner. Das geht unmittelbar ins Ohr, ist aber raffinierter, als es zunächst erscheinen mag. Kein Ton ist da überflüssig, kein Takt bloßer Zierrat. So macht man im 21. Jahrhundert Jazz, mit der Erfahrung der Avantgarde, aber in respektvoller Rückkehr zur Tradition. Enrico Rava hat Filmmusik geschrieben, und auch auf dieser CD hat man den Eindruck, dass er mit dem Mitteln der Musik etwas zu erzählen hat, übrigens ganz unverkrampft, ja mit Humor. Nein, Easy Listening Music ist das nicht, wohl aber Musik für „Easy Living“.
Thomas Rothschild
Enrico Rava: Easy Living. ECM 1760