Goran Bregovic: Tales and Songs from Weddings and Funerals
14.02.2004
Goran Bregovic - Serbien darf nicht sterbien
In dem Maße, in dem der Mainstreampop immer langweiliger und stumpfsinniger wurde, haben selbst Programmgestalter in den willfährigen Rundfunkhäusern, wo sie unbeleckt von Kenntnissen und in ihrer erbärmlichen Sprachlosigkeit von einer "sagenhaften Aufnahme" oder "der eindeutig besten Band" schwätzen, eine Entwicklung registriert, die sie jahrelang verschlafen hatten oder in ihrer Hörigkeit gegenüber den Major Companies nicht wahrnehmen wollten. In den ost- und südosteuropäischen Ländern haben sich aufregende Spielarten der Populärmusik etabliert, die zwar an nationalen Folkloren und musikalischen Traditionen von Minderheiten wie der Sinti, Roma oder Juden anknüpfen, aber mit Volksmusik im überlieferten Sinne soviel zu tun haben wie Haindling mit dem Schuhplattler. Für Serbien kommt dem selbst fulminant musizierenden Filmregisseur Emir Kusturica das Verdienst zu, diese Entwicklung massiv propagiert und gefördert zu haben.
Im übrigen hat Serbien eine reichere und diversifiziertere Rockszene als Deutschland. Mit den jugoslawischen Schmachtfetzen der fünfziger Jahre hat das nicht mehr viel zu tun. Diese Kultur wird aber bei uns noch weniger wahrgenommen als jene der nichtenglischsprachigen westeuropäischen Länder. Als unlängst Italien um Giorgio Gaber trauerte, war das den deutschen Feuilletons eine Fußnote wert. Wann haben Sie zuletzt Giorgio Gaber im Radio gehört oder im TV gesehen?
Der Vollblutmusiker, den Emir Kusturica in mehreren Filmen vorgestellt hat, heißt Goran Bregovic. Er stammt aus Sarajevo, seine Mutter ist Serbin, sein Vater Kroate. Goran Bregovic war bereits ein renommierter Rockmusiker, als er die Tradition der Zigeunerblaskapellen entdeckte und für sich fruchtbar machte. Manche Kritiker sagen: ausbeutete. Das Resultat jedenfalls ist überwältigend und der Musik verwandt, die man etwa von Fanfare Ciocarlia oder Taraf de Haidouks kennt. Ich schlage ein Abkommen vor: Ein Programmgestalter möge plausibel machen. was am Ketchup Song besser ist als an einem Stück von Goran Bregovic. Solange das nicht gelingt, werden Lieder von Bregovic so häufig abgespielt wie bislang der Ketchup Song, dieser jedoch nur noch in Spezialsendungen vor Mitternacht. Und wer diesen Vorschlag für abwegig hält, den nenne ich einen Chauvinisten.
Die jüngste CD von Goran Bregovic enthält "Geschichten und Lieder von Hochzeiten und Begräbnissen", also teils elegische, teils übermütige Lieder und Instrumentalstücke im Idiom der traditionellen Folkloren des Balkan. Und wieder sind es die Bläsersätze, die den unregelmäßigen Taktarten neben den Vokalstimmen eine besondere Vitalität verleihen. Wer da hineingehört hat, steht in Gefahr, süchtig zu werden. Ich plädiere für diese Sucht.
Thomas Rothschild
Goran Bregovic: Tales and Songs from Weddings and Funerals. Mercury 00015