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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 12:39

 

Wiener Tschuschenkapelle

07.07.2004

Extraplatte – erste Folge

Tschuschen: das Wort ist eine Verballhornung des slawischen Worts für „fremd“, „Fremder“. In Österreich wird es als Schimpfwort für Ausländer, insbesondere für „Jugoslawen“, abwertend also benützt. Es charakterisiert jene, die es benützen, genauer als jene, die es benennen will – nämlich als rassistische Chauvinisten.

 

In Wien gibt es ein Ensemble mit wechselnder internationaler Besetzung, aber mit Slavko Ninić als konstantem Zentrum, das sich selbst „Tschuschenkapelle“ nennt. Man hat also die diskriminierende Bezeichnung, indem man sie auf sich selbst anwendet, ins Positive gewendet, ähnlich wie die Homosexuellen den Begriff „Schwule“. Die Musik dieser Band stammt aus dem südslawischen Raum, aber auch aus der Türkei, aus Griechenland, aus Ungarn, aus Rumänien, aus Russland und aus dem Wohnort ihrer Mitglieder, aus Wien. Sie ist so fröhlich, so ergreifend, so unmittelbar musikantisch, dass man sich fragt, welcher Teufel die Programmgestalter reitet, die sie sich (und uns) im Radio entgehen lassen. Diskriminierung endet nicht dort, wo man auf Schimpfwörter verzichtet. Sie setzt sich in der Missachtung und Ignorierung von Kulturen fort.

Die Wiener Tschuschenkapelle hat Lieder im Repertoire und Instrumentalstücke. Zu den schönsten gehören ein Horo, ein Kreistanz aus Bulgarien, mit seiner typischen ungeraden Taktart; das wehmütige a cappella gesungene kroatische Lied Polegala trava detela; das übermütige bosnische Mene majka jednu ima; der mazedonische Tanz Momina igra; das serbische Liebeslied ¦ano mori, das auch zum Repertoire der Weavers um Pete Seeger zählte. Neulich erwähnten wir im Zusammenhang mit der Gruppe Bratsch Les Pauls Hit Johnny Is The Boy For Me, der aus der Zigeunermusik Osteuropas zehrt. Bei der Wiener Tschuschenkapelle taucht er unter dem Titel Zimska noč (Winternacht) als „rumänische Volksweise“ auf, die in kroatischer Sprache gesungen wird.Die CDs der Wiener Tschuschenkapelle werden von einer kleinen Firma produziert und vertrieben, die es, wie viele Institutionen, die den Geist von 1968 nicht an den Zeitgeist des Neoliberalismus verraten haben, auf dem Markt nicht leicht hat.

Die Tschuschenkapelle kann als kennzeichnend für die Extraplatte gelten. Schwerpunkte des Labels waren von Anfang an und blieben bis heute österreichische und internationale Folklore, politisches Lied, Jazz, zeitgenössische Musik. Hinter der Extraplatte steht ein Mann, Harald Quendler, dessen subjektive Vorlieben das Programm ebenso bestimmen wie seine Konzilianz und sein Verantwortungsgefühl gegenüber kulturellen Äußerungen von Minderheiten und von künstlerischen Außenseitern. Dass derlei (auch) in Österreich von den Medien nicht honoriert wird, versteht sich leider fast von selbst. Weil also die Produktionen der Extraplatte kaum – jedenfalls nicht in dem Maße, wie sie es verdienten – wahrgenommen werden, weil sie, zumal in Deutschland, nur schwer zu finden sind, werden wir hier – entsprechend dem mit der ersten „CD der Woche“ in dieser Kolumne deklarierten Vorsatz (siehe hier ) – in den nächsten Wochen immer wieder auf sie zurückkommen. Zunächst schon einmal die Bezugsadresse, wenn der Handel nicht mitspielt: Extraplatte, Postfach 2, A-1094 Wien. Fax 0043-1-3100324. info@extraplatte.at 

Thomas Rothschild


Wiener Tschuschenkapelle: …und davon. Extraplatte EX 405-2
Wiener Tschuschenkapelle: Exil. Extraplatte EX 505-2

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