Mozart: Requiem
22.07.2004
Keine Lipizzaner
Wollte jemand von mir wissen, was das beste Musikstück aller Zeiten ist, würde ich eine Antwort auf diese dämliche Frage verweigern. Gerne aber erteile ich darüber Auskunft, welche Komposition meine liebste ist. Nach kurzem Zögern nenne ich Mozarts Requiem. Unzählige Aufführungen und Aufnahmen habe ich gehört, aber dieses Werk hat für mich niemals seine Faszination eingebüßt. Ich kenne keine zweite geistliche Komposition, die so weltlich wäre. Mehr noch als Verdis Requiem oder gar die Totenmessen von Dvořák oder Brahms scheint mir Mozarts monumentales Werk opernhaft, im emphatischen Sinne dramatisch. Es bedarf schon einiger ideologischer Verrenkungen, um diese Musik als Ausdruck religiöser Inbrunst oder meditativer Versenkung zu hören. Für mich ist Mozarts Requiem eine Manifestation von Lebenskraft und Aufbegehren, prometheisch weit eher als demutsvoll dem Tod ergeben, hinter dem sich angeblich das ewige Leben auftut.
Nikolaus Harnoncourt ist längst über seinen Status als Kultdirigent der Originalklangbewegung und Spezialist für Alte Musik zu einem der bedeutendsten Dirigenten unserer Zeit hinausgewachsen. Er arbeitet mit vielen Ensembles in aller Welt. Für seine Aufnahme des Requiems freilich ist er zu jenen zurückgekehrt, die seinen Weg über die Jahre hinweg begleitet haben: zum Concentus Musicus und zum Arnold Schönberg Chor. Harnoncourt hat, wie man es von ihm erwartet, die von Franz Xaver Süßmayr ergänzte Partitur genau studiert, eingebürgerte Schlampigkeiten beseitigt. Er arbeitet die Konturen heraus, verdeutlicht rhythmische und dynamische Feinheiten, die man so bisher kaum je wahrgenommen hat. Er verzichtet auf Pathos, schlägt stellenweise, etwa im Lacrimosa, fast einen kammermusikalischen Ton an. Dass sich der Arnold Schoenberg Chor unter der Leitung von Erwin Ortner als idealer Klangkörper für dieses Werk erweist, versteht sich beinahe von selbst.
Ehe freilich das Mozart-Jahr 2006 anbricht und jeder österreichische Idiot, allen voran die Politiker in ihrer durch und durch verlogenen Repräsentationswut, sich mit dem Genie brüstet, als habe er zu dessen Leistungen etwas beigetragen, sei daran erinnert, wie sich Nikolaus Harnoncourt dagegen verwahrt, anlässlich von Auslandsreisen des Concentus Musicus als "Botschafter Österreichs" apostrophiert zu werden, Sponsoren zu suchen oder Subventionen anzunehmen. "Wir sind ja keine Lipizzaner! Die österreichischen Kulturbehörden haben, als wir sie gebraucht hätten, nichts zu unserem Werdegang beigetragen außer schäbigen 'Briefmarkensubventionen', wie sie jede Musikkapelle bekommt. Jetzt sollen sie sich nicht mit uns brüsten!"
Thomas Rothschild
Mozart: Requiem. Concentus Musicus Wien/Harnoncourt. deutsche harmonia mundi 82876 58705 2