Walter Moßmann: Chansons
29.07.2004
Vor der Wende
Endlich sind in einem Schuber bei Trikont vier CDs mit Chansons, Balladen, Flugblattliedern Walter Moßmanns aus den Jahren 1963-1983 sowie dem Unruhigen Requiem erschienen.
Wenn Walter Moßmann gemeinhin in einem Atem mit Franz Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp, Hannes Wader und Wolf Biermann genannt wird, so deshalb, weil er jener Generation angehört, die in den heroischen Jahren des politischen Liedes, in den sechziger Jahren, die Szene betrat und bestimmte, weil er mit den Genannten jene Spezies repräsentiert, für die man damals das bescheidene Wort „Liedermacher“ prägte. Mehr noch als Degenhardt, Wader oder Biermann war Moßmann zu Beginn vom französischen Chanson beeinflusst. Was ihn mit Degenhardt, Süverkrüp, Biermann von Anfang an verband, war der Wunsch, einzugreifen in die politische Realität und die Überzeugung, dass das mit den Mitteln des Liedes, mit Text, Musik und Vortrag möglich sei.
Moßmann hat sich nie in erster Linie als Künstler verstanden mit all den Eitelkeiten, die zu dieser Profession gehören, sondern als Teil politischer Bewegungen, als Teil also dessen, was man so missverständlich das Volk nennt, dem man anonyme Lieder, Volkslieder eben, zuschreibt. Dem entspricht auch seine Laxheit in Sachen musikalischen Eigentums. Wenn ihm eine Melodie gefiel, wenn sie ihm geeignet erschien zur Vertonung eines eigenen Textes, dann nahm er sie sich, als wäre sie kollektiver Besitz, wie es Volkskunst nun einmal ist.
Von Moßmann stammt der Begriff „Flugblattlieder“, und der war Programm: Wie Flugblätter in der Französischen Revolution und danach weitergegeben wurden, ohne Nennung ihrer Autoren, um Informationen zu verbreiten, um zu Aktionen aufzurufen, um die Welt zu verändern, so sollten seine Lieder der öffentlichen Nutzung zur Verfügung gestellt werden. Nicht die Regeln des Marktes, nicht eine verkaufsfördernde Warenästhetik interessierten Moßmann, sondern der Gebrauchswert seiner Produkte, die mit ästhetischen Mitteln politisch wirken wollten.
In der Nutzung von ästhetischen Mitteln war Moßmann freilich keineswegs bescheiden. Seine Lieder zeichnen sich aus durch eine Vielfalt von Themen, von Verfahren, von stilistischen Eigentümlichkeiten. Moßmann hat mit Witz und mit Ironie gearbeitet, mit groben plebejischen Kunstmitteln des Spotts und der Satire, und mit raffinierten Verfahren, wie sie die politische Lyrik von Heine bis Tucholsky, von Villon bis Brecht entwickelt hat. Agitprop, also Agitation und Propaganda, war für Moßmann niemals ein Schimpfwort, und seine Lieder über und für die Anti-KKW-Bewegung, für den Häuserkampf, für Solidaritätsinitiativen zugunsten der so genannten Dritten Welt stehen im besten Sinn in der Agitprop-Tradition der Roten Revuen und des linken Kabaretts.
Anlässlich des vierzigsten Jahrestags des ersten Festivals auf der Waldeck wurde verschiedentlich zeitgeistkonform bedauert, dass sich dieses legendäre Treffen 1968/69 „politisiert“ habe. „Politisieren“ hat für stromlinienförmige Erinnerungen einen negativen Klang, und die für die Politisierung verantwortlich waren, werden heute beschuldigt, das Waldeck-Festival kaputt gemacht zu haben. Das ist natürlich Unsinn. Was damals gefordert wurde, war nicht mehr und nicht weniger als die Umsetzung der in Liedern formulierten Thesen und Forderungen in politische Praxis, gemäß dem klugen Ausspruch in Brechts Mutter: „Zorn und Unzufriedenheit genügen nicht. So etwas muss praktische Folgen haben.“ Die Wahrheit ist: der Geist der Waldeck lebt weiter – zum Beispiel beim Mainzer Open-Ohr-Festival, das heuer zum dreißigsten Mal stattfand. Wenn diese Tradition bedroht war und ist, dann nicht durch Politisierung, sondern durch eine Kommerzialisierung, die den Protest verdrängt oder sich eingemeindet und damit harmlos gemacht hat. Walter Moßmann hat sich dieser Entwicklung stets entgegengestellt. Und gerne hörte man von jenen, die den politischeren unter ihren Kollegen um 1969 vorwarfen, sie hätten sie mundtot gemacht, dass sie sich über Medien empören, die diesen Kollegen längst jede Öffentlichkeit vorenthalten.
Es fällt auf, dass das Format des Liedes für die meisten politischen Liedermacher irgendwann zu eng wurde, dass sie größere Formen ausprobierten, um komplexere Zusammenhänge analysieren und darstellen zu können. So auch Walter Moßmann. Besonders erwähnt sei das Unruhige Requiem, das Moßmann zusammen mit Heiner Goebbels geschrieben hat.
Eine heimtückische Krankheit machte es Moßmann unmöglich, weiterhin zu singen. Aber anders als viele seiner einstigen Kampfgenossen erlag Moßmann niemals der Versuchung zum Renegatentum, zu einer konservativen Einkehr. Biermanns „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ diente ihm nie zur Rechtfertigung einer Anbiederung an die Mächtigen, an die Verteidiger des Status quo. Moßmann hat dazugelernt, hat neue Fragestellungen und überraschende Aspekte entdeckt, aber er ist im besten Sinne des Wortes Außenseiter geblieben, ein Unangepasster, ein Provokateur. Wenn das vielleicht nicht so wahrgenommen wird, dann liegt das an einer veränderten Öffentlichkeit, die nicht einmal mehr repressive Toleranz üben muss. Moßmann gehörte einst zu jenen, die sich ideenreich und aktiv für die Schaffung einer Gegenöffentlichkeit einsetzten. Die ist heute weitgehend verschwunden im Konsens einer profitorientierten Marktgesellschaft.
Jetzt sind, endlich, in einem Schuber bei Trikont vier CDs mit Chansons, Balladen, Flugblattliedern Walter Moßmanns aus den Jahren 1963-1983 sowie dem Unruhigen Requiem erschienen. Sie enthalten einen Großteil des einst auf Schallplatten publizierten Werks. In Beiheften kommentiert Moßmann die Aufnahmen aus heutiger Sicht, liefert er die historischen Informationen, die man bei jüngeren Hörern nicht mehr voraussetzen kann. Ihnen aber sei Moßmann wärmstens empfohlen. Damit sie erfahren, dass es auch noch andere Ziele im Leben gibt als Geld verdienen und Spaß haben. Unsere Demokratie aber und die Berechtigung der öffentlich-rechtlichen Anstalten, Gebühren zu kassieren, werden wir daran messen, ob und wie oft Moßmanns Lieder gesendet werden. Ausreden gelten nicht. Die Aufnahmen liegen vor, auf CDs und handlich sortiert. Und wenn die Rundfunkanstalten ihren Verpflichtungen, feig, staatstreu und letzten Endes kulturfeindlich, nicht nachkommen, gibt es immer noch eine Möglichkeit: die Zahlung der Gebühren mangels Gegenleistung zu verweigern und lieber für die Box mit den CDs auszugeben.
Thomas Rothschild
Walter Moßmann: Chansons. Flugblattlieder. Balladen. Cantastorie apokrüfen. Trikont US-0330
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