Es gibt Leute, die halten den langsamen zweiten Satz aus dem populären
Concierto de Aranjuez von Joaquin Rodrigo in der Version von Miles Davis, in der das Flügelhorn die Gitarre ersetzt, für schöner als das Original. Miles Davis ist in der Tat ein Ausnahmekünstler. Es gibt keinen zweiten Instrumentalmusiker, der sich nach drei Tönen mit solcher Treffsicherheit identifizieren ließe wie eben Miles Davis. Der Klang seiner gestopften oder offenen Trompete oder seines Flügelhorns ist unverwechselbar. Aber das hätte den Ruhm des Jazzpioniers, der nur 65 Jahre alt wurde, allein nicht gewährleistet. Dazu kommt eben seine unglaubliche Musikalität, die Originalität und Präzision seiner Improvisationen. Wer Miles Davis einmal gehört hat, braucht über das Attribut "cool" im Jazz nicht zu rätseln (und es hat da noch eine andere Bedeutung als heute im deutschen Jugendjargon). Dabei hat Miles Davis im Laufe der Jahre ziemlich unterschiedliche Stilrichtungen bevorzugt. Geblieben ist der Sound, messerscharf, ohne überflüssiges Vibrato, intim und abweisend zugleich.
DIE ZEIT bietet nun zu einem verlockenden Preis in einer Box fünf von den erstaunlich zahlreichen, zum Teil das gleiche Material kombinierenden CDs an, die aus den für Columbia gemachten Aufnahmen zusammengestellt wurden und in der Regel die alten LPs um Bonus Tracks ergänzen. Jede dieser fünf CDs könnte den Anspruch auf einen Platz auf der Liste der zehn besten Jazzplatten aller Zeiten erheben, und ihr Einfluss auf die nachfolgenden Musiker von Wynton Marsalis bis Tomasz Stanko ist nicht zu unterschätzen. Sie dokumentieren den Miles Davis vor Bitches Brew, vor der Amalgamierung von Jazz und Rock. Da geizte der Musiker noch nicht so sehr mit Tönen wie später. Drei CDs präsentieren Miles Davis vor einer Big Band, in den Arrangements von Gil Evans, einem der maßgebenden Arrangeure der Jazzgeschichte: die
Sketches of Spain, die unter anderem das
Concierto de Aranjuez enthalten, Miles Davis' und Gil Evans' Version von
Porgy and Bess und die Aufnahmen unter dem wortspielerischen Titel
Miles Ahead. Die anderen zwei CDs beschenken den Hörer mit den legendären Quintett-Besetzungen, in denen Miles Davis kongeniale Partner fand. Auf
'Round About Midnight (mit
'Round Midnight, einem zu Recht berühmten Titel von Thelonious Monk, als opener) waren das John Coltrane am Tenorsaxophon, Red Garland am Klavier, Paul Chambers am Kontrabass und Philly Joe Jones am Schlagzeug. Auf
E.S.P. bläst Wayne Shorter das Tenorsaxophon, Herbie Hancock hockt am Piano, der unverwüstliche Ron Carter zupft den Bass, und Tony Williams sitzt am Schlagzeug.
Jazzkennern muss man diese Aufnahmen nicht empfehlen. Sie sind Klassiker, und wenn die alten LPs inzwischen allzu sehr kratzen, man sich andererseits nicht das Columbia-Gesamtwerk auf CD anschaffen kann oder will, ist dies eine günstige Gelegenheit, das Repertoire aufzufrischen. Die jüngeren Leser dieser Kolumne aber, jene, die Jazz für Großvätermusik halten, möchte ich auffordern, da einmal hineinzuhören. Ich könnte mir vorstellen, dass sie eine Entdeckung machen und süchtig werden, wie einst - nun ja, die Großväter, als sie noch in Rollkragenpulli in verrauchten Jazzkellern saßen oder daheim bei einer Party, auf der man bei billigem Chianti und Schmalzbroten vor dem Plattenspieler kuschelte.
Thomas Rothschild
Best of Miles Davis. Sony Music 5 CD Box 510526 2
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