Karrin Allyson: Wild For You
02.09.2004
Joni Mitchells Erbe
Es gibt in der Rockgeschichte einige weniger Sängerinnen und Sänger, die schulbildend wirkten. Joni Mitchell ist eine davon. Charakteristisch für sie und ihr Erbe ist der freie Umgang mit dem musikalischen Material und ein Ton, den man erzählerisch nennen könnte, der den Text zu seinem Recht kommen lässt und den Gesang bisweilen einem Sprechgestus annähert, auch eine Vorliebe für rhythmische Verzögerungen und Verschiebungen anstelle eines konstant durchgezogenen Beats. Karrin Allyson ist unverkennbar eine „Schülerin“ von Joni Mitchell, und so ist es nur konsequent, wenn sie auf ihrer jüngsten CD, auf der sie ausschließlich Songs aus dem Bereich von Pop und Rock interpretiert, mit einem Lied von Joni Mitchell beginnt und ein zweites – Help Me – hinzufügt. Andere Songs stammen unter anderem von James Taylor und Cat Stevens (sein großer Hit Wild World), von Elton John (Sorry Seems To Be The Hardest Word) und Melissa Manchester, von Carole King und Carly Simon, oder aus dem Repertoire von Linda Ronstadt und Roberta Flack. Und noch eine Sängerin erwähnt Allyson in den Liner Notes, an die man unwillkürlich denken muss, wenn die musikalische Erinnerung etwas weiter zurückreicht als zu den vergangenen drei Moden: Judy Collins.
Karrin Allyson kommt vom Jazz her, und die Band, die sie begleitet, allen voran der Arrangeur Gil Goldstein an Keyboards und Akkordeon, nehmen die jazzige Annäherung an rockige Vorlagen kongenial auf. Die Grenzen zwischen den Genres werden hier bedeutungslos. Ob man das Ergebnis dieser Arbeit Jazz nennen möchte oder Rock, Song oder Improvisation – es tut nichts zur Sache. Es ist Musik, die man mit größtem Vergnügen hören kann, die den freien Atem des Jazz und die Intimität intellektueller Singer Songwriter wie eben Joni Mitchell in sich birgt, komplex und eingängig zugleich.
Thomas Rothschild
Karrin Allyson: Wild For You. Concord CCD-2220-2 (Vertrieb: in-akustik)