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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 12:46

 

Konstantin Wecker: Vaterland live, Degenhardt: Quantensprung

15.02.2004

 





Konstantin Wecker und Franz Josef Degenhardt: die Unzeitgemäßen

 

 










Drei Jahrzehnte lang, von 1970 bis 2000, habe ich in der Frankfurter Rundschau Schallplatten, vorwiegend aus dem sogenannten U-Bereich, Rockmusik, Jazz, Folk, Liedermacher, zwölf bis dreizehn Mal im Jahr, in manchen Jahren sogar häufiger besprochen. Im Mai 2000 wurde die Kolumne handstreichartig und kommentarlos eingestellt.

Von April 1977 bis November 1986 - mit einer Unterbrechung von Januar 1978 bis April 1980 - gestaltete ich, im Wechsel mit fünf anderen Außenseitern der Musikkritik, im sechswöchentlichen Rhythmus für den Norddeutschen Rundfunk die Sendung Schallplatten für Kenner, die Peter Höhne initiiert hatte, einer der intelligenten, ideenreichen und mutigen Programmgestalter (Peter Mordo beim längst wegrationalisierten Süddeutschen Rundfunk zählte dazu), wie man sie heute kaum mehr findet. 1980 wurde die Sendung eingestellt, weil sie den Verantwortlichen beim NDR, wie sie uns wissen ließen, angesichts der privaten Konkurrenz zu anspruchsvoll erschien. Der Süddeutsche Rundfunk hatte schon zuvor aufgehört, meine Schallplatten für Kenner zu übernehmen.

1979 nahm der Jugendfunkredakteur Rüdiger Becker beim Süddeutschen Rundfunk einen Vorschlag auf, den ich ein Jahr zuvor bei den Hörfunkgesprächen des Gemeinschaftswerks der evangelischen Publizistik gemacht hatte, und ließ mich - zunächst unter dem Titel Time Machine, dann unter Zeitmaschine eine mehrstündige Sendung gestalten, in der - damals ein Tabu - Musikstücke der verschiedensten Genres, unbekümmert um E und U, aufeinander stießen. Ein Penderecki in diesem Kontext, so mahnten mich die bestallten Musikredakteure, sei dem Publikum wirklich nicht zuzumuten. Bald darauf hat der Musikredakteur des Hauses mein Konzept enteignet und die Sendung in eigener Regie produziert. Mittlerweile gehört dieses Konzept zum spätabendlichen Alltag des Südwestrundfunks, freilich nur noch als reines Musikprogramm, ohne Kommentar und erläuternde Einordnung, und natürlich ohne meine Mitwirkung.

Es nützt nichts, ich kann mir nichts vormachen: Der Musikjournalismus, wie ich ihn verstand (und insgeheim noch verstehe), ist heute, wie es in der entsprechenden Ausdrucksweise heißt, "megaout". Die Kritik ist der reinen Darbietung, der Verlängerung von Werbung und PR in die redaktionelle Arbeit gewichen. Gleichzeitig freilich ist auch die Musik, mit der sich meine Generation identifizieren konnte, weitgehend einer industriell verfertigten, kalkulierten Produktion gewichen, die ihre jugendliche Klientel um all das betrügt, was Rock und Jazz und Folk und Liedermacher den Vorausgegangenen boten: authentischen Ausdruck ihres Lebensgefühls, eine künstlerische Sprache des Widerstand gegen gesellschaftliche Zwänge, einen kollektiven Code, der zugleich in seinen zahlreichen Spielarten individuell höchst ausdifferenziert war. So treffen sich die Nicht-Kritik und die Nicht-Musik im aggressiven kapitalistischen Prinzip der Profitvermehrung. Was zählt, ist die Ökonomie. Ästhetische und intellektuelle Kriterien zählen nicht, wo nur noch der Markt entscheidet.

Da ich immer wieder von einstigen Lesern meiner CD-Kolumne in der FR angeschrieben und gefragt werde, wo ich seit deren Einstellung CDs bespreche, weil sie ihnen für die Orientierung im unübersichtlichen Angebot über Jahre hinweg hilfreich gewesen sei, will ich hier jede Woche Aufnahmen empfehlen, die im zeitgeistigen Warenfetischismus unterzugehen drohen. Dabei werde ich mich nicht dem Aktualitätsdruck aussetzen, der sich der Suggestion anschließt, Musik sei verderbliche Ware wie Frischwurst oder Ziegenkäse. Und ich werde, wie ich es auch schon in der FR tat, den Produktionen kleiner Labels den Vorzug geben gegenüber den gepowerten Tagesmoden der Major Companies. Heute jedoch beginne ich mit zwei Künstlern, die für die älteren unter den Besuchern dieser Website keine Geheimtips sind.

Vor fünfzehn Jahren fand in Friedrichshafen das jährliche Liederfest des SWR statt. Konstantin Wecker, schon damals längst der wichtigste Liedermacher seiner Generation, näherte sich mir nach dem Konzert von hinten und fluchte auf mich herab: "Rothschild, du kommst nicht mehr mit. Die Zeit ist über dich hinweggegangen." Schon zuvor hatte sich Konstantin Wecker des öfteren nicht gerade freundlich über die 68er-Generation geäußert.
Mittlerweile sind viele von diesen 68ern bei jenen gelandet, die sie damals bekämpften. Gelegentlich wundern sich Kommentatoren über deren Wandlungsfähigkeit. Die Wahrheit ist: sie sind sich stets treu geblieben. Sie sind heute noch die Opportunisten, die sie immer waren.
Treu ist sich auch Konstantin Wecker geblieben, freilich mit umgekehrtem Vorzeichen. Er rebellierte und rebelliert, wo es Mut erfordert, wo Rebellion nicht bloß dem allgemeinen Konsens entspricht. Nach persönlichen Krisen, die ihm als persönliche zu verarbeiten nicht vergönnt war, ist er heute bei einer Position angelangt, die viele der von ihm einst kritisierten 68er verraten haben. In den Chor derer, die sich nach dem mittlerweile legendären 11. September auf die Seite der Macht geschlagen haben, will Konstantin Wecker nicht einstimmen. Er erinnert vielmehr an den Kontext, in dem die Anschläge von New York und Washington zu verstehen sind. Und er besteht darauf, daß deren Opfern keine Gerechtigkeit widerfährt, indem man neue Opfer produziert. Konstantin Weckers uneingeschränkte Solidarität gehört den Opfern in Afghanistan nicht minder als jenen in New York. Für ihn hat das Wort "Solidarität" noch oder wieder die Bedeutung, die es für Linke hatte, als sie noch Jusos oder Häuserbesetzer und nicht Bundeskanzler oder Außenminister waren. Davon handeln seine neuen Lieder. Sie sind im besten Sinne unzeitgemäß. Die Zeit ist über mich und über Konstantin Wecker hinweggegangen. Aber wir kommen schon noch mit.

Das gilt auch für Franz Josef Degenhardt. Es gab Zeiten, da wäre eine neue Platte von Väterchen Franz den Feuilletons einen großen Artikel wert gewesen. Heute wird sie kaum mehr vermerkt. Das ist nur ein Beleg für eine gesellschaftliche Situation, die Degenhardt just in seinen neuen Liedern besingt. Auf seiner neuen CD Quantensprung findet sich einer jener kurzen gesprochenen, fast aphoristischen Texte zu einer ostinaten Gitarrenbegleitung, mit denen der Doyen unter den deutschen Liedermachern immer wieder seine längeren Songs unterbricht. Es handelt sich um eine Begegnung zwischen dem Ich, das Franz Josef Degenhardt heißt, und einer ehemaligen Freundin. Der Text rekapituliert eine entfernte Vergangenheit und macht die Geschichte einer politischen wie menschlichen Entfremdung bewußt. Er mündet in einen Dialog. Dialog ist schon zuviel gesagt: eigentlich redet nur diese Frau, und Degenhardt grümmelt unwillig dazwischen. Was die Frau so daherredet, decouvriert sie als eine jener typischen Degenhardt-Figuren, die sich, im Zeitgeistjargon, von ihrer Biographie distanzieren und angekommen sind im Zynismus der Wohlstandsgesellschaft.
Es sind die kleinen konkreten Details, die Degenhardts Texten Tiefenschärfe verleihen. Die Zeile "Wir gingen ins Café Conti auf einen Pastis" beschwört mit wenigen Worten ein Milieu. Und wenn der jugendliche Teilhaber der ehemaligen Freundin sagt: "Also, ich geh' mal wieder, Schuhe kaufen, drüben. Ich warte auf dich", dann ist ein oberflächlicher Typ mit wenigen Strichen skizziert. So weit, so Degenhardt. Aber dieser kurze Sprechgesang enthält eine Schlusspointe. Die beiden, die sich so weit von einander entfernt haben, umarmen sich beim Abschied. Diese Pointe macht die besondere Qualität des Textes aus. Sie weist hin auf eine Widersprüchlichkeit, auf die Tatsache, daß unsere Gefühle nicht immer mit unseren politischen Einsichten Schritt halten, daß es über Abgründe unterschiedlicher Meinungen und Lebensentwürfe hinweg melancholische Erinnerungen geben kann, die als Brücke dienen. Franz Josef Degenhardts Miniature In der Glitzerpassage ist intelligent politisch und anrührend menschlich zugleich. Die Degenhardts und die Weckers erinnern uns daran, daß es Alternativen gibt zum Anpassertum und zur Schleimscheißerei.

Thomas Rothschild


Konstantin Wecker: Vaterland live, Globeart Musicon 74321 92412 2
Degenhardt: Quantensprung, Koch 340 050

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