Worauf beruht die Faszination, die von Tracy Chapman ausgeht? An den Melodien ihrer Songs kann es nicht liegen. Die sind eher monoton, nicht nur im einzelnen Lied, sondern auch insgesamt. Die Variationsbreite ist gering, fast jeder Song klingt wie der andere. Man kann das, freundlicher, auch "persönliche Handschrift" nennen. Aber - anders als bei der Minimal Music - ist es bei Tracy Chapman, neben den poetischen Texten, wenn man denn darauf achtet und sie versteht, weniger das Material als die Interpretation, was den Hörer in den Bann zieht, die schlanke, aber suggestive Stimme der Liedermacherin und Sängerin, eine trockene Sachlichkeit, die Trauer und Hoffnung zugleich suggeriert, die völlig frei ist von Show-Gehabe, glaubwürdig wirkt und zugleich unaufgeregt, ernsthaft.
Tracy Chapman vermittelt akustisch einen Gegenentwurf zur schillernden Glamourwelt der synthetischen Girls im aktuellen Popbetrieb. Es ist ja nicht wahr, dass Pop, im Gegensatz zu jener Musik, die man irreführend "ernst" nennt, einer Warenästhetik folgen muss. Dass sie es häufig tut, dass die Form der Präsentation in den Medien und in der Werbung diesen Eindruck verstärkt, ergibt noch kein Gesetz. Es gab und gibt im U-Bereich eine Ernsthaftigkeit, wie sich im E-Bereich, insbesondere in dessen Vermarktung, zunehmend eine unseriöse Attitüde breit macht. Und damit kein Missverständnis aufkommt: Seriosität bedeutet nicht Humorlosigkeit, bedeutet nicht Lustfeindlichkeit, sondern Aufrichtigkeit sich selbst, dem Material und dem Publikum gegenüber. So gesehen, steht Tracy Chapman Gidon Kremer näher als Britney Spears oder Shakira. Es ist der Seriosität zu verdanken, dass Chapmans Song
Talkin' About A Revolution zu einem "Klassiker" der Rockgeschichte wurde, der den Tag überlebt hat.
Den Typus der seriösen Künstlerin repräsentiert unter den amerikanischen Liedermacherinnen schon seit Jahrzehnten keine so konsequent wie Joni Mitchell. Auf der generös ausgestatteten Doppel-CD Travelogue singt sie alte und neuere Songs ihres Repertoires mit großer Besetzung. Das mag nicht jedermanns Geschmack sein. Wer sich Singer Songwriter in intimem Rahmen wünscht, wer an ihnen gerade schätzt, dass sie, gleichsam in Manufaktur, alles alleine machen, komponieren, dichten, singen, sich begleiten, dem wird diese Variante suspekt erscheinen, zumal manche Passagen von Schwulst und Breitwandpathos nicht frei sind. Wer aber Joni Mitchell auch als Schöpferin genialen musikalischen Materials anerkennt, wird sich daran erfreuen, wie die Möglichkeiten dieses Materials mit den Klangfarben eines mal eher symphonischen, mal an Big Bands orientierten Orchesters ausgeschöpft werden. Als Solisten wirken Stars der ersten Güte mit: Herbie Hancock, Billy Preston, Wayne Shorter, Kenny Wheeler, Paulinho DaCosta. Aus dem Epochensong Woodstock macht das Arrangement (von Vince Mendoza) ein Minidrama, einen Hörfilm. Das Dramatische verstärkt in
The Sire of Sorrow, neben wechselnden Valeurs des Orchesters, der Einsatz eines Chors, der mit dem ausdrucksvollen Sologesang Joni Mitchells in einen Dialog eintritt. Und Joni Mitchells wohl bekanntesten Song
The Circle Game hört man hier, als hätte man ihn nie zuvor gehört. In diesem Kontext profiliert sich Joni Mitchell auch als veritable Jazzsängerin, etwa mit
You Dream Flat Tires oder mit
Be Cool.
Thomas Rothschild
Tracy Chapman:
Let it Rain. Elektra 7559-62836-2
Joni Mitchell:
Travelogue. Nonesuch 79817-2