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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 12:46

 

Moondog: The German Years 1977-1999

29.09.2004

Wiederentdeckt

Ob man die Musik von Moondog Avantgarde nennen soll? Wenn Avantgarde schwierig sein muss, wenn sie vom Hörer eine höhere musikalische Bildung erfordert, dann wohl kaum. Wenn Avantgarde aber bedeutet, dass neue Wege gesucht, gefunden und gewiesen werden, dann zählt Moondogs Musik unbedingt dazu.

 

Anfang der siebziger Jahre machte unter Liebhabern ungewöhnlicher Aufnahmen ein Geheimtipp die Runde. Ich weiß noch, es war Uschi Albrecht, die mich auf Louis Thomas Hardin aufmerksam machte, den blinden Musiker, der sich Moondog nannte. Seine Kompositionen ließen sich nirgends einordnen. Aber sie übten eine unmittelbare Faszination aus. Zum Teil erinnerten sie an Kurt Weill, an die ihrerseits von Moondog inspirierte Minimal Music mit ihren Repetitionen, Elemente des Jazz waren nicht zu überhören, aber auch Einflüsse der so genannten „Klassik“, insbesondere der Barockmusik. Und kennzeichnend war die Lust am Eingängigen, die obligatorische Tonalität. Auch die Instrumentierung von Moondogs oft aphoristisch kurzen Stücken hatte ihren Zauber. Kurios ist die Synthese aus Mystizismus und der Rationalität kontrapunktischen Komponierens. Lange nach Moondog sind Komponisten etwa aus dem baltischen Raum einen ähnlichen Weg gegangen.

Eine Frau hat den damals nicht mehr jungen, aus Kansas stammenden Moondog in Deutschland gehalten, wo er 1999 starb. ROOF Music hat nun auf einer Doppel-CD Aufnahmen aus seinen deutschen Jahren veröffentlicht – eine Chance, Erinnerungen aufzufrischen oder den Ausnahmemusiker überhaupt erst zu entdecken. Die eine CD enthält Titel aus diversen Alben, die zweite ein bisher unveröffentlichtes Konzert mit der Pianistin Dominique Ponty. Das überraschende schlanke Klavierwerk lässt an die kleinen Stücke von Bartók, Kurtág oder auch Satie und zugleich an den Ragtime denken. Ein Präludium mit Fuge und eine mehrsätzige „Kunst des Kanons“ lassen dann keinen Zweifel, wer da Pate gestanden hat.

Ob man die Musik von Moondog Avantgarde nennen soll? Wenn Avantgarde schwierig sein muss, wenn sie vom Hörer eine höhere musikalische Bildung erfordert, dann wohl kaum. Wenn Avantgarde aber bedeutet, dass neue Wege gesucht, gefunden und gewiesen werden, dann zählt Moondogs Musik unbedingt dazu. Die Wege sind mittlerweile beschritten, zum Teil zertrampelt, aber diese Musik hat ihren Zauber bewahrt.

Thomas Rothschild


Moondog: The German Years 1977-1999. ROOF Music RD 2433221     

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