Gurdjieff u.a.: Chants, Hymns and Dances
05.01.2005
Rothschilds CD-Tipp:
Hymnisch
Manfred Eicher macht aus seinen Vorlieben kein Geheimnis. Er hält ihnen die Treue. Zu seinen Favoriten gehört der armenische Komponist Gurdjieff, der von 1877 bis 1948 gelebt hat und seit einigen Jahren, nicht zuletzt dank Eichers Einsatz, eine Renaissance erlebt.
Diesmal kommt für Eicher eine interessante Interpretenkombination hinzu. Er hat die Cellistin Anja Lechner mit dem Pianisten Vassilis Tsabropoulos zusammengebracht, und die spielen, in Bearbeitungen für ihre Instrumente, kurze Stücke von Gurdjieff und dazwischen Kompositionen von Tsabropoulos selbst, die sich wie die geistesverwandten Stücke Gurdjieffs durch Kürze, Schlichtheit und einen folkloristischen Charakter auszeichnen. Chants, Hymns and Dances heißt die CD, und genau das enthält sie auch: Hymnische Gesänge und Tänze, wenngleich eben in unorthodoxer Besetzung.
Die Miniaturen von Gurdjieff, die in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden sind und die sein Schüler Thomas de Hartmann notiert hat, darf man getrost antimodern nennen. Sie bleiben kompositionstechnisch weit hinter der Musik seiner Zeitgenossen zurück. Ihr Reiz, auch und gerade für heutige Hörer, liegt anderswo. Zu Gurdjieff gehört die Legende um seine Person, gehört seine mystische Philosophie. Und auch seine Musik wird als Anregung zur Meditation konsumiert, als Wegweiser in einen anderen Zustand. Man kann freilich auch von diesem Umfeld abstrahieren. Dann bleibt die Einfachheit dieser Musik, ihre Liedhaftigkeit, ihre Archaik. Damit positioniert sie sich zwischen jenen Bereichen, die gemeinhin so sinnwidrig mit U und E gekennzeichnet werden. Und das gilt auch für die hier gespielten Stücke von Vassilis Tsabropoulos, die zum Teil auf byzantinische Vorlagen zurückgreifen.
Thomas Rothschild
Gurdjieff/Tsabropoulos/Lechner: Chants, Hymns and Dances.
ECM New Series 1888