Bob Dylan: Lyrics 1962 - 2001.
17.02.2005
Protestsongs im Gepäck
Nicht nur für Liebhaber, sondern für alle: sämtliche Songtexte von Bob Dylan in Englisch und in deutscher Übersetzung auf über 1000 Seiten.
Bob Dylan, so die gängige Meinung unter vielen Literaturwissenschaftlern, die sich mit moderner Lyrik beschäftigen, sei einer der größten Lyriker des späten 20. Jahrhunderts; weniger, weil sein Werk zeitweise von den französischen Symbolisten beeinflusst wurde, sondern vielmehr, weil er es geschafft hat, die spröde Poesie des amerikanischen Blues und Folk zu literarisieren. Diese Transformation der einfachen Strukturen zu hoher Literatur hat etwas mit postmoderner Historisierung zu tun, denn Dylans Bewusstsein von Bedeutungsträger und Gehalt übersteigt den ursprünglichen Wert der Folksprache und gewinnt sie, mitsamt dem Wissen um die vergangene Zeit, für die 60er- und 70er-Jahre neu.
Es ist ein allgemeiner Irrtum, anzunehmen, dass Bob Dylan primär als Protestsänger rezipiert wird. Natürlich wirkte er im allgemeinen Wirbel um den Vietnam-Krieg und die 68er-Bewegung in den USA mit, doch war es stets mehr seine Rezeption, denn sein eigenes Zutun, die ihn zum Symbol des popmusikalischen Aufstands machten. Anders als Leonard Cohen, der seine politischen Aussagen lediglich auf die historische Bürde des Judentums ausweitete, hatte Dylan sicher den einen oder anderen Protestsong im Gepäck, doch spätestens mit „Highway 61 Revisited“, vielleicht sogar schon mit dem 1965 erschienenen Album „Bringing it all back home“, war das alles längst Vergangenheit.
Analog zum ersten Band seiner lang erwarteten Autobiographie erscheint nun eine neue, um die letzten Jahre erweiterte Version seiner Collected Lyrics, deren vollständige Neuübersetzung Gisbert Haefs erledigte, was auf den ersten Blick etwas seltsam anmutet. Haefs, der vor allem als Autor historischer Werke und – weitaus wirksamer – als Borges-Übersetzer bekannt wurde, tritt die Nachfolge der Popkultur-Übersetzer Carl Weissner und Walter Hartmann an, die mit ihrer Sponti-Sprache dem Dylan’schen Werk keinen allzu großen Gefallen getan haben. Haefs geht das Ganze seriöser, literarischer an und lässt den Dichter somit in seiner ganzen Pracht glänzen.
Die Aufmachung und Struktur wurde vom Zweitausendeins-Band teils übernommen, teils leicht modifiziert. Das Werk ist nach Alben geordnet, die Coverversionen von Alben wie „Self-Portrait“ fehlen. Die Platten der frühen 90er-Jahre, als Dylan via Interpretation alter Folkstandards nach einem Katastrophenjahrzehnt wieder zu sich selbst fand, sind natürlich auch nicht dabei; dafür aber die Texte zu seinen beiden letzten, überall abgefeierten Alben „Time Out Of Mind“ und „Love & Theft“, was ja nicht schlecht ist, da die Platten selbst ohne Textheft auskommen mussten.
Man kann es kaum stemmen, dieses über 1000-seitige Opus magnum, aber es ist komplett (d. h. auch die ganzen Tracks, die es seinerzeit nicht auf Platte geschafft haben, sind als Teil des jeweiligen Albums mit dabei), hervorragend übersetzt und unverzichtbar für jeden, der mit Dylans Musik in Berührung steht. Und für alle anderen auch.
Sascha Seiler
Bob Dylan: Lyrics 1962 - 2001.
Zweisprachige Ausgabe Englisch/Deutsch.
Aus d. Amerikanischen von Gisbert Haefs.
Hoffmann und Campe 2004
Gebundene Ausgaben. 1151 Seiten. 39,95 EUR
ISBN: 3-455-01591-3