Bill Evans: Soulgrass
06.10.2005
Rothschild's CD-Tipp
Der Saxophonist
Diese Musik ist fröhlich, heiter, aufmunternd und doch mit jeder Wendung gescheit und frei von Klischees.
Der Titel irritiert: „Soulgrass“. Genau darum aber handelt es sich: um eine Symbiose von Souljazz und Bluegrass. Bill Evans, den man nicht mit dem legendären Pianisten gleichen Namens verwechseln darf – nebenbei: alle beide haben mit dem großen Miles Davis gespielt –, hat mit wunderbaren Kollegen zwei uramerikanische Musikrichtungen zusammengebracht, die man gemeinhin kaum zusammendenkt. Was dabei herauskommt, gehört zum schönsten, was in jüngster Zeit auf CD zu hören war. Die Kritiker des allgegenwärtigen Unterhaltungsfimmels werden von dessen Verteidigern immer wieder süffisant darauf hingewiesen, dass Unterhaltung ja wohl keine Sünde sei. Schon wahr. Nicht die Unterhaltung an sich ist das Problem, sondern die bodenlose Dummheit, mit der sie in unseren Massenmedien verknüpft ist, ihre Anspruchslosigkeit, ihr Festhalten an längst überstrapazierten Mustern.
Dass Unterhaltung auch intelligent sein kann, beweist „Soulgrass“. Diese Musik ist fröhlich, heiter, aufmunternd und doch mit jeder Wendung gescheit und frei von Klischees. Das Banjo von Bela Fleck und Anton Leos, die Fiddle von Stuart Duncan, die Mandoline von Sam Bush und Jerry Douglas’ Dobro definieren den unverwechselbaren Bluegrass-Charakter. Aber das Saxophon von Bill Evans wirkt nicht wie eine Zugabe, nicht aufgesetzt, sondern vervollständigt das Ensemble mit seinem jazzigen Ansatz zu einem neuen Ganzen. Blues, Funk und Bebop werden herbeizitiert, ordnen sich aber stets dem gemeinsamen Konzept unter. Perkussion, Kontrabass und Keyboards sind der Kitt in diesem Konglomerat. Manchmal kommt auch eine Gitarre hinzu, und in „Weekend Cowboy“, wie die meisten Titel von Bill Evans selbst geschrieben, wird sie von keinem Geringeren als John Scofield gespielt.
Thomas Rothschild
Bill Evans: Soulgrass. BHM 1008-2.