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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 13:08

 

The Rolling Stones: A Bigger Bang

17.11.2005

Rothschild's CD-Tipp: 

Forever young

Die Rolling Stones sind bis heute eine "Gruppe" im emphatischen Sinne geblieben. Es wäre absurd, von „Mick Jagger mit Band“ zu sprechen. Diese Gruppe aber ist bis heute so vital und präsent, wie sie es in ihren Jugendjahren war.

 

Zu den Topoi, wenn von den Rolling Stones gesprochen wird, gehört der mokante Hinweis darauf, dass die Stones und allen voran Mick Jagger mittlerweile über sechzig sind. Welch eine Arroganz! Wohl wahr: in den fünfziger und sechziger Jahren galten Rock’n’Roll und die Anfänge des Rock als Jugendmusik. Nicht so sehr, weil ihre Interpreten jung waren, sondern weil sie den Älteren missfielen und so den Jungen als kollektives Identifikationsmuster dienen konnten, mit dem sie sich von ihren Eltern symbolisch absetzten wie mit ihrer Haartracht oder mit ihrer Kleidung. Was aber vergessen wird: die Helden des Blues, von denen die Rolling Stones ihre Inspirationen gewannen, waren schon damals meist ältere Herren und manchmal auch Damen. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, den Blues als Jugendmusik zu klassifizieren. Diese Quelle wird auch heute noch unverschnörkelt herbeizitiert. Man höre sich auf der jüngsten CD "Back Of My Hand" an, und es wird klar, wovon hier die Rede ist.

Was die Rolling Stones und, bei allen Unterschieden, auch die Beatles vom Schlager abhebt - und fast alles, was heute als Rock läuft, ist eigentlich Schlager - ist die Tatsache, dass die Instrumente nicht den Gesang begleiten, sondern als gleichwertige Stimmen eingesetzt werden. Die Rolling Stones sind bis heute eine "Gruppe" im emphatischen Sinne geblieben. Es wäre absurd, von "Mick Jagger mit Band" zu sprechen. Diese Gruppe aber ist bis heute so vital und präsent, wie sie es in ihren Jugendjahren war. Zugegeben: nicht jeder Song von Mick Jagger und Keith Richards reicht an deren große Hits heran. Aber das galt für alle LPs und CDs, die sie im Lauf von mehr als vier Jahrzehnten (!) vorgelegt haben. Mit "She Saw Me Coming" zum Beispiel und mehr noch mit "Oh No Not You Again" und mit "Dangerous Beauty" knüpfen sie jedoch an ihre besten Titel an. Das geht ab wie eine Rakete, und man muss schon ziemlich immun gegen Rock sein, wenn einem das nicht in die Glieder fährt.

Die Rolling Stones stehen für den anarchischen, den rebellischen Rock. Und viele ihrer Songs rechtfertigen dieses Image. Zu ihren erfolgreichsten Stücken aber gehörten stets auch Balladen, etwa "Ruby Tuesday" oder "Angie". An diese Linie knüpfen auf der neuen CD "Streets Of Love" oder "This Place Is Empty" an. Es gehört eher zu den Qualitäten, als zu den Schwächen der Stones, dass sie ihrem Stil mehr oder weniger treu geblieben sind, statt sich Moden aufschwätzen zu lassen. Warum sollte für den Rock nicht zutreffen, was in Oper und Konzertsaal als selbstverständlich gilt? Dass nämlich gute Musik nicht "veraltet". Es wird schon seine Ursachen haben, dass auch ganz junge Hörer sich wieder für die Musiker der sechziger Jahre begeistern. Auch wenn diese, wie Mick Jagger, ihre Großeltern sein könnten. Eine Ursache dürfte sein, dass man in der Musik jener Generation auch heute noch einen utopischen Anspruch wahrnimmt, den Versuch, sich gegen eine zunehmend industrialisierte Kultur mit individuellem Ausdruck zur Wehr zu setzen. Was im Kino etwa die Filme eines Wim Wenders vor dem Hintergrund der Special-Effects-Produktionen darstellen, das ist im Rock die Musik der Rolling Stones vor dem Hintergrund der alles übertönenden Abba-Erben.

Thomas Rothschild


The Rolling Stones: A Bigger Bang. Virgin, 009463379924.

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